Familie J. Malottki

Wanda Behnke geb. von Malottki Im Februar 1995 Falkenstraße 1 71088 Holzgerlingen Tel. 07031 - 609408

Abschied - Neuanfang - Familie J. Malottki

Unser Auszug aus Groß Tuchen erfolgte am 2. März 1945. "Unser" bedeutete: Meine Mutter mit sechs ihrer Kinder (Hilde war gerade einen Tag vorher nach abenteuerlicher Reise von Garz an der Oder, wo sie dienstverpflichtet war, angekommen); meine 79-jährige Groß-mutter mit gebrochenem Arm; meine Tante mit vier Kindern, darunter zwei Kleinkindern; eine Cousine, die zusammen mit der Familie meiner Tante aus Dortmund evakuiert worden war, und eine Lettin, die bei uns als Flüchtling seit einigen Monaten wohnte.

2. 3. 1945 - Ein Meldefahrer der Armee, der vor unserem Haus hielt, war erstaunt, noch Einwohner anzutreffen, und sagte, daß der Russe 10 km entfernt vor Glisno stünde. Nach Anfrage beim Ortsgruppenleiter erklärte der, daß es keine Möglichkeit gäbe, mit dem Zug wegzukommen; jeder müsse selber sehen, wie er flüchten könnte. Einige hatten schon in der Nacht davor das Dorf verlassen.

Am späten Abend des 2. März gelang es uns, mit Soldatenautos bis nach Bütow mitgenommen zu werden. Dort "übernachteten" wir im Vorraum des Kinos, waren sehr früh morgens wieder auf den Beinen und wurden wieder mit irgendwelchen Soldatenautos/ Armeewagen bis nahe Wundichow gefahren. Nach einer Übernachtung dort ging es weiter nach Stolp, mehrere Tage später von dort Richtung Gotenhafen, wo wir am 9. März eintrafen.

Die nächsten Tage verbrachten wir in einem mit tausend Flüchtlingen angefülltem Kino und warteten auf Schiffskarten, die uns Anton (?) Bistram besorgen wollte, den meine Mutter dort ausfindig gemacht hatte. Als meine Mutter einige Tage später wieder anrief, sagte er, er hätte seine Schwägerin Ulla mit Schiffskarten ins Lager geschickt. Sie wurde aber abgewiesen, weil wir "nicht mehr da seien." Es waren Karten für die "Gustloff".

Am 22. März konnten wir dann nach einigen Schwierigkeiten mit dem Frachter "Bukarest" in See stechen, sahen zum Abschied noch die Bombardierung Danzigs und einen mit vielen "Christbäumen" geschmückten Himmel.

Das Schiff fuhr bis Swinemünde; dort kamen wir in kleine Kutter und wurden nach Ueckermünde gebracht, wo wir bis zum 2. April in einer völlig verlausten Schule untergebracht waren. Dort starb meine jüngste Cousine, und ihre Schwester entkam knapp dem Tod.

Mit dem Zug wurden wir alle nach Holstein gebracht, das völlig von Flüchtlingen überfüllt war. Allein meine Mutter und wir sechs Geschwister waren in drei verschiedenen Familien untergebracht.

Als im Mai dann die Kapitulation kam, mußte jeder eine Arbeit nachweisen können, um Lebensmittelmarken zu bekommen. Die einzige Möglichkeit war, beim Bauern zu arbeiten.

Im Herbst des Jahres 1945 hatte es sich so weit normalisiert, daß Hilde Arbeit in einem Schneiderbetrieb in Bad Bramstedt fand, Anni bald heiratete und ich wieder zur Schule ging, was bei den drei Jüngsten sowieso zur Normalität gehörte.

Als dann 1946 Rudi aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft zu uns stieß, und später mein Vater aus Peenemünde kam, wo er noch für die Russen hatte arbeiten müssen, waren wir wieder eine ganze Familie.

gez. Wanda Behnke geb. v. Malottki