Biastoch

Traute Geisler geb. Biastoch Lindenstraße 23 06295 Schmalzerode Tel. 03475-638333

Meine Erinnerung an die Flucht von 1945 - 1947 - Ich war damals 12 Jahre alt -

Im März 1945 gingen wir zum ersten Mal auf die Flucht. An dem Tag hatten wir noch ei-nen Fliegerangriff erlebt. An dem Abend ging es mit dem Treck los. In den Orten, die wir durchfuhren, brannten zu beiden Straßenseiten die Häuser. Eine Woche waren wir bei viel Schnee und eisiger Kälte unterwegs. Da holte uns der Russe ein. Uhren, Schmuck, Stiefel usw. wurde uns alles abgenommen. Wir mußten dann zurück und kamen nach Johannesthal im Kreis Lauenburg. Dort blieben wir mit der Familie Gustav Kramp, meiner Tante Minna Radde, Familie Krause und Busch bis zum Juni 1945.

Pferd und Wagen hatten uns die Russen weggenommen. Mit einem selbst gebasteltem Handwagen fuhren wir nach Hause. Wir waren wieder ca. eine Woche unterwegs und mußten uns oft verstecken, damit die Polen und Russen uns nicht ausplünderten. In Großtuchen angekommen, fanden wir das Haus an der Straße nach Nachhütten, in dem wir gewohnt hatten, ausgebrannt vor. Bei meiner Tante Emma Radde und meiner Oma Ottilie auf dem Abbau fanden wir eine Unterkunft. Wir lebten dort mit zehn Personen im halben Haus; die andere Hälfte hatte ein Volltreffer zerstört. Meine Mutter und meine Tanten gingen bei den Polen arbeiten, damit wir alle etwas zu essen hatten. Meine Cousine Edith Radde war bei dem Polen auf Pelzens Grundstück, mein Cousin Karl Radde auf dem Grundstück von Polzins auf dem früheren Gut. Ich war bei dem polnischen Dorfmilizionär auf Manskens Grundstück. Dort haben wir als Kinder täglich nur fürs Essen gearbeitet. So ging es bis Dezember 1946.

Eines Tages kam der polnische Bürgermeister und sagte, daß am 16. Dezember ein Transport mit Flüchtlingen nach Deutschland abfährt, ob wir mit wollten. Es kam plötzlich. So war die Entscheidung schwer. Wir hatten auch kein Brot für die Reise. Dieses sollte erst am nächsten Tag gebacken werden. Da brachte die polnische Familie Jastrzemski (auf Pelzens Hof) für uns Brot und hatte uns auch so unterstützt.

Am 16. Dezember bracht Herr Durawa uns mit dem Pferdefuhrwerk nach Bütow zum Bahnhof. Dort mußten wir noch Stunden warten, ehe ein Güterzug bereitgestellt wurde. Als Reiseverpflegung bekamen wir pro Person ½ Brot und einen Salzhering. Mit 30 Personen in einem Güterwagen ging es dann in Richtung Mitteldeutschland. Tagsüber standen wir auf einem Abstellgleis und des Nachts ging die Fahrt weiter.

Wir kamen nach achttägiger Fahrt in Coswig (Anhalt) an. Dort wurden wir im Lager untergebracht. Es war ein eisiges Winterwetter. Aus dem Wald holten wir Holz zum Heizen. Das Essen war knapp. Dort blieben wir bis zum 6. Januar 1947. Von dort holte uns mein Vater, der inzwischen aus der amerikanischen Gefangenschaft entlassen war, nach Halle an der Saale. Dort wohnten wir ein halbes Jahr bei Verwandten. Danach bekamen meine Eltern, mein Bruder und ich eine Wohnung. Als Möbel hatten wir Holzkisten; aus Brettern wurden Betten gebaut. Wir bekamen keine Unterstützung; meine Eltern mußten alles alleine bewältigen.

Im Jahr 1947 beendete ich meine Schulzeit. An eine Lehrstelle war nicht zu denken. Eine Arbeitsstelle zu bekommen, war auch sehr schwierig. Im Jahr 1948 erhielt ich eine Arbeitsstelle in einer Uhrenfabrik, die von Flüchtlingen aus Schlesien neu gegründet worden war. Dort habe ich gearbeitet bis zu meiner Heirat im Jahr 1957.

gez. Traute Geisler geb. Biastoch