Einmarsch der Roten Armee

Heinz Kautz (*1931), Schloß Neuhaus, Westphalenweg 21, D-33104 Paderborn

Einmarsch der Roten Armee; dann Vertreibung

Am 3. März 1945 erhielt Großtuchen den Befehl zur Räumung. Unser Fluchtwagen stand schon mehrere Wochen fertig in der Scheune. Für unsere stellte sich die schwere Entscheidung: "Wo sollen wir hin"? Am 2. 3. 1945 hatten die Russen nördlich von Köslin die pommersche Ostseeküste erreicht; am 4.3.45 bei Kolberg. Also war der östliche Teil Pommerns von der Roten Armee eingekesselt. Aus diesem Grund entschlossen sich unsere Eltern, Familie Paul Biastoch und Familie Heinrich Jantz, nicht zu fahren.

In der Nacht vom 3. zum 4. März 1945 wurde unser Gehöft von deutschen Soldaten belegt. Sie sagten: "Wir bauen hier eine Verteidigungsstellung auf". Unserem Vater wurde geraten, den Hof mit der Familie zu verlassen, da durch die Kampfhandlungen das Gehöft zerstört werden könnte. Vater befolgte den Rat der Soldaten. Wir fuhren zu unserem Nachbarn Paul Biastoch. Während der Kampfhandlungen hielten wir uns in einem Unterstand im Walde in der Nähe des Hofe auf. Am Montag, dem 5. 3. 1945, nachdem sich die schweren Kämpfe beruhigt hatten, fuhren wir mit unserem Wagen wieder nach Hause. Dort wurden wir von den Russen mit vorgehaltenen Maschinenpistolen erwartet. Uri, Uri und Wodka wollten sie. Vom Wagen durften wir nichts herunternehmen. Sie nahmen Pferde und Wagen und fuhren gleich ab auf Nimmerwiedersehen.

Am Abend dieses Tages kam Nachbar Heinrich Jantz zu uns und bat unseren Vater, es solle ihn und seine Frau erschießen. Er sei von den Russen geschlagen und getreten worden, obwohl er niemandem Unrecht getan habe. Vater sagte: "Heinrich, so traurig alles ist, aber meine Nachbarn kann ich nicht erschießen." Am nächsten Tag sagte mein Vater: "Heinz, geh zu Jantz und sieh, was die machen." Die Haustür stand offen, die Tür zum Boden auch. Ich schaute hinauf und sah einen hängen. Es war der Bruder von Heinrich Jantz, Fritz Jantz. Von Heinrich Jantz und Frau keine Spur! Am nächsten Tag erfuhren wir von Paul Biastoch, daß sich beide zusammen in die Kamenz gestürzt und den Tod gefunden hatten.

Den 8. März 1945 werden wir nie vergessen. Weil ein Russe im Krieg sein Auge verloren hatte, wollte er meinen Vater erschießen. Mein Vater mußte sich immer wieder aufstellen. Schließlich sah der Russe davon ab; ein zweiter Russe nahm statt dessen einen Steintopf und schlug ihn meinem Vater ins Gesicht. Hierbei verlor er mehrere Zähne. Beim Durchsuchen und Plündern im Hause gelang meinem Vater die Flucht in ein Versteck. Meine Mutter hatte sich schon zuvor versteckt. Ich - Heinz als ältester Sohn - sollte meinen Vater in der Heuscheune suchen. Obwohl ich wußte, wo er war, wollte ich ihn aber nicht finden. Daraufhin mußte ich in die Kornscheune. Über die Leiter mußte ich hoch aufs Stroh. Als ich sagte: "Hier ist er nicht", kam der Russe nach. Er packte mich am Nacken und Hinterteil und warf mich auf die Betontenne. Damit nicht genug; er nahm die Maschinenpistole und schlug mehrere Male vor meine Brust. Schmerzverzerrt und blutend an Händen und Knien, lief ich zu meinen Geschwistern ins Haus. Er kam mir nach und schoß vor Wut mehrmals durch die Küchendek-ke.

Während des ganzen Tages kamen immer neue Russen bis zum späten Abend. Das Haus war total verwüstet; was ihnen gefiel, nahmen sie mit. In dieser Nacht verließen wir dann unser Haus und suchten Zuflucht bei Familie Malottki. Dort hielt sich schon Familie Paul Biastoch auf. Wir gingen dann weiter zum Hof Rudnick, wo niemand war. Hier hielten wir uns auf dem Heuboden versteckt. Versorgt mit Nahrung wurden wir von der Familie Malottki. Nach ein paar Tagen, als es etwas ruhiger geworden war, kehrten wir in unser Haus zurück.

An einem Tag im April, auf dem Weg zu Bäcker Borchardt, wurde ich - Heinz - von den Russen aufgegriffen zum Kühetreiben. Auf meine Frage: "Wohin?" kam die Antwort: "Rummelsburg." Auf der Strecke zwischen Radensfelde und Kremerbruch sind Joachim Knopp aus Bütow und ich stiftengegangen. Wir nutzten einen günstigen Augenblick, weil einer der beiden berittenen Russen in Kremerbruch Quartier machen wollte.

Eines Tages kam die polnische Miliz mit einem Pferdewagen, worauf eine Ferkelkiste war. Zu meinem Vater sagte der eine: "Da setz dich rein!" Als unsere Mutter weinte, bekam sie zur Antwort: "Du brauchst nicht weinen, den siehst du nie wieder." Auf der Fahrt redete Vater auf sie ein. Einer sagte: "Nenn uns einen Polen, der dich kennt." Er nannte Anton Gorny, der beim Bauern Albert Schlutt während des Krieges gearbeitet hatte. Gorny hatte den Hof von Jantz übernommen. Sie fuhren dort hin. Nach ca. 2 Stunden kamen sie aus dem Haus, und Vater durfte die Ferkelkiste verlassen. Sie sagten: "Hau ab!" Am Abend kam Anton Gorny zu uns und sagte, daß sie Vater nach Bütow bringen wollten, wie so viele. Er habe lange reden müssen, bis er ihn frei bekam.

Im Juni 1945 erschienen drei Polen auf unserem Hof mit den Worten: "Dieser Hof wird besetzt. " An unseren Vater gerichtet: "Du kannst bei mir arbeiten als Knecht, oder ihr müßt über die Oder". Übernommen wurde der Hof dann später von Stefan Gliewa. Dieser hatte während des Krieges als Schäfer in Murchin, Kreis Anklam gearbeitet.

Am 24. 11. 1945 mußten unsere Eltern Fritz und Else Kautz sowie die Kinder Heinz, Werner, Gerda und Helmut sowie unsere Oma Martha Kautz die geliebte Heimat verlassen. Unser Opa Otto Kautz verstarb noch kurz vor dem Einmarsch der Russen. Der Transport ging ab Bütow nach Lippusch. Hier mußten wir den Zug verlassen. Mein Bruder Werner und ich wurden von einem Polen in blauer Uniform aufgefordert, das Bahnhofsgelände zu säubern. Seine Worte waren: "Hier habt ihr Hitlerschweine hingesch....." Wir bekamen einen Eimer und mußten mit bloßen Händen den Kot wegmachen. Sofern wir ein Stück Papier zur Hilfe nahmen, wurden wir in den Hintern getreten. Während meiner Tätigkeit kam uns ein glücklicher Zufall zu Hilfe. Mein Vater kam mit einem Polen ins Gespräch, der während des Krieges bei Schmiedemeister Röske, Großtuchen, gearbeitet hatte. Dieser Pole sorgte dafür, daß wir diese scheußliche Arbeit nicht weiter verrichten brauchten.

Weiter ging dann die Fahrt nach Konitz, Schneidemühl, Kreuz, Landsberg bei Küstrin / Oder. In dieser zerstörten Stadt waren wir bis zum 7. 12. 1945. Am 8. 12. 1945 fanden wir die erste Aufnahme bei einer Bäuerin, Ella Holz, in Klein Bünzow, Kreis Anklam / Vorpommern. In Krenzow, Kreis Anklam, übernahmen meine Eltern am 11. 2. 1946 eine Siedlerstelle.

Ich, Heinz Kautz, flüchtete aus der SBZ am 17. 11. 1952 nach Westberlin. Über Hamburg führte mein Weg ins Lager Sant Bostel und Lager Stukenbrock bei Paderborn. In Paderborn-Schloß Neuhaus fand ich am 26. 1. 1953 Arbeit und auch eine neue Heimat.

Meine Schwester Gerda verließ am 5. 6. 1956 die ehemalige DDR und ihr Weg führte über Paderborn an den Niederrhein, wo sie in Uedem-Keppeln Arbeit und ein neues Zuhause fand. Durch Gründung der LPG sahen meine Eltern und Brüder Werner und Helmut keine Zukunft in der DDR und flüchteten im April 1959 nach Westberlin. Nach einem Aufenthalt im Lager Marienfelde kamen sie in die Bundesrepublik. Auch ihr Weg führte über Paderborn an den Niederrhein. Vater und Mutter sind inzwischen verstorben. Bruder Werner fand Arbeit und seine neue Heimat in Goch-Pfalzdorf und Bruder Helmut in Goch-Nierswalde.

gez. Heinz Kautz