Kolberg Ida

Ida Machura geb. Kolberg Pasteurstr. 38 10407 Berlin Tel. 030-4247107

Als jüngste Tochter des Bauern Hermann Kolberg habe ich mich 1930 nach Berlin verheiratet. Im Krieg, in dem die Bombenangriffe über Berlin immer schwerer wurden, riet mir mein Mann, der als Soldat bei der Feuerlöschkompanie in Bremen eingesetzt war, daß ich mit meinem Sohn Siegfried zu meinen Eltern in meine Heimat Großtuchen ziehe. Mein Bruder Max war gleich im Polenfeldzug gefallen. Inzwischen hatte sich meine Schwägerin Else, geborene Tilly, mit Fritz Gutzmer wiederverheiratet. Meine Schwestern Grete und Meta waren auch in die Heimat umquartiert. Da ich ein Kind erwartete, bekam ich von der Gemeinde eine kleine Wohnung über der Schule.

Am 30. Okt. 1944 wurde unsere Ingrid geboren. Weihnachten war ihre Taufe in der Großtuchner Kirche von Pastor Beer aus Bütow. Mein Mann bekam dazu keinen Urlaub mehr. Wir sahen schon die Trecks mit den Flüchtlingen aus Ostpreußen kommen, und es wurden in Großtuchen auch viele untergebracht. Bald mußten wir auch auf die Flucht gehen, da die Front immer näher rückte. Meine Schwester Grete schaffte es, noch im Februar mit ihrem Sohn die Heimat zu verlassen; aber Schwester Meta mit Sohn und ich mit Siegfried, 12 Jahre alt, und Ingrid, 4 Monate alt, schafften es nicht. Wir sollten von Ehepaar Jantz aus Wiesenthal mitgenommen werden, die Ingrids Paten waren. Meine Eltern Hermann und Lea Kolberg und Meta mit Sohn sollten bei Else und Fritz Gutzmer mitfahren. Plötzlich entschloß sich Ehepaar Jantz zu bleiben. Ein Schock für uns alle. Meine Eltern blieben dann bei Jantz in Wiesenthal und haben dort den ganzen Kampf um Großtuchen miterlebt. Sie wollten, daß wir Geschwister es versuchen sollten, uns nach Berlin durchzuschlagen.

Am 2. März 1945 (mein Geburtstag) abends um 18.00 Uhr war es dann soweit, daß wir alle, Fritz Gutzmer, Schwägerin Else mit ihren beiden Kindern, Schwester Meta und Sohn und ich mit meinen beiden Kindern, mit mehreren Treckwagen Großtuchen verließen. Es waren 6-7 Grad Kälte und es war sehr glatt. Wir kamen über Kleintuchen und Tangen; aber es brannten schon viele Gehöfte. Gedacht war es, in Richtung Stolp zu fahren, um von Stolpmünde per Schiff weiterzukommen; doch der Russe war bei Kolberg durchgestoßen, und wir saßen im Kessel. So wurden wir umgeleitet in Richtung Lauenburg.

In der 1. Nacht machten uns die bergige Landschaft und die starke Glätte zu schaffen. Alle mußten neben den Wagen her laufen. Ich trug kilometerweise mein Baby gut verpackt auf den Armen, da die Gefahr bestand, daß der Wagen kippte. Auch Elses Kinder mußten zu Fuß gehen. Gedacht war, daß die Kinder fahren könnten, aber nicht immer ging es; darauf mußten wir uns einstellen. Zum Abend wurden möglichst Gehöfte aufgesucht. Alle versuchten, sich in Scheunen und Ställen im Heu und Stroh zu schützen. Ich aber konnte es nie und blieb alleine mit dem Baby auf dem Wagen, um es auf dem Schoß zu wärmen. Zuerst waren noch deutsche Soldaten als Wachposten da. Als einer von ihnen meine Kleine weinen hörte, tat es ihm leid und er besorgte uns bei einer Flüchtlingsfamilie aus Ostpreußen Unterkunft. Sie hatte als Schmied eine Arbeitsstelle auf einem Gut bekommen. Die Frau machte gleich ein Bad zurecht und packte danach mein Baby in ihr Bett.

Wir landeten einmal auf dem Gut Muttrin und hausten dort in der Brennerei auf dem Fußboden. Dort hausten schon viele Flüchtlinge aus Posen, West- und Ostpreußen und Lettland; aber wir hatten es warm. Das Glück, wieder mal die Kleine zu baden, hatte ich noch einmal in einem Ort bei einer jungen Frau mit zwei Kindern, die gerade die Nachricht erhielt, daß ihr Mann gefallen sei. Sonst suchten wir in leerstehenden Häusern nach Wäsche, woraus wir Windeln machen konnten. Die Dörfer waren vielfach schon geräumt. Einmal wollten wir auf ein Gehöft, aber die Bäuerin wollte uns mit dem Hund hetzen. Ihr Mann, der beim Volkssturm war, setzte sich für uns ein, holte Stroh, und wir konnten auf dem Fußboden schlafen und auch in der Küche für die Kleine etwas kochen. Den nächsten Tag ging es weiter. Auch diese Bauernfamilie mußte flüchten. So ging es Tag für Tag von Ort zu Ort. Wir kamen am Lebasee entlang und mußten durch das unendliche Lebamoor. So waren wir täglich von früh bis spät unterwegs und suchten Mieten mit Kartoffeln oder Kohlrüben auf, um uns was zu kochen.

Am 9. Tag erreichten wir ein Dorf, welches die weiße Fahne gehißt hatte. Also stand fest, daß der Russe uns eingeholt hatte. Wir landeten auf einem Bauernhof, wo alle Räume von Flüchtlingen belegt waren. Dort war eine Ukrainerin (Studentin) als Arbeitskraft, die gut Deutsch sprechen konnte. Gleich war das Haus voller Russen, die sich alles aus den Schrän-ken nahmen, was ihnen gefiel. Schwester Meta und ich wollten unserer Kleinen Brei kochen, aber ein Russe wollte mit ihr in ein Zimmer. In meiner Angst rief ich die Ukrainerin, und sie riet uns, immer unsere Kinder auf den Arm zu nehmen und sie schreien zu lassen. Der Rat hat uns oft gerettet, aber unsere Kinder hatten oft keine Ruhe. Am nächsten Tag nahmen sie Pferd und Wagen und was ihnen gefiel mit. Gutzmers und wir alle standen leer da. Wie und wohin weiter?

Wir sollten zurück nach Hause und dort arbeiten. Max Gaul aus Wiesenthal nahm meine Kleine mit auf seinen Wagen; aber wir kamen nicht weit, dann wurden auch ihm Pferd und Wagen genommen, und er (von jeher ein Invalide, lahm und mit schiefem Kopf) wurde fürchterlich von den Polen ausgelacht. Wieder standen wir alleine. Schwester Meta mit Sohn war inzwischen durch Umleitung von uns getrennt worden. Mit Gutzmers waren wir noch zusammen. Da trafen wir Gastwirt Genee aus Großtuchen. Seine Frau war mit Tochter noch vor der Flucht rausgekommen. Er hatte ein Ochsengespann mit Wagen aufgetrieben und hatte lauter alte Frauen aus der Nachbarschaft und Verwandte aus Ostpreußen aufgeladen und er hatte ein Herz für mich und nahm meine Kleine auch auf seinen Wagen. Dann ging es wieder heimwärts nach Großtuchen. Unterwegs sahen wir viel Elend. Die Dörfer waren verwüstet. Tote Menschen, Soldaten und totes Vieh sahen wir über-all liegen.

Am 19. 3. kamen wir endlich in der Heimat an. Die Bahnbrücke und auch die Brücke über den Fluß waren gesprengt. So kamen wir über den Bahnhof und dann über die Mühle am Denkmal vorbei. Vor dem alten Haus vom Biastochschen Grundstück stand meine Schwägerin Frieda Kolberg und winkte uns zu. Sie war schon früher mit Familie zurück. Wir landeten dann im Haus von Genee und blieben die Nacht dort. Inzwischen waren schon mehrere Großtuchner zurückgekommen. Am andern Tag trafen wir Herrn Jeschke. Meine Wohnung in der Schule war einigermaßen bewohnbar. Wir waren gerade beim Einrichten, aber gleich waren Russen da, und die Angst ging los. Alle griffen ihre Kinder, die furchtbar schrien, und wir hatten Glück. Die Schule war immer Anlaufstelle der Russen, und wir konnten dort nicht bleiben. So zogen wir zu Jeschke, wo sich noch mehrere umquartierte Frauen aufhielten, die hofften, dort am Ende der Straße Ruhe zu haben; aber es wurde sehr schlimm.

Wir erfuhren dann, daß meine Eltern zu Biastochs geflüchtet waren. Bei Jantz war es un-erträglich zu bleiben. Dort hatte sich der Bruder aus Massowitz erhängt, und Herr und Frau Jantz nahmen sich in der Kamenz das Leben. Meine Schwester Meta holte unsere Eltern nach Hause. In ihre Altenwohnung konnten sie nicht einziehen. So hausten wir alle bei Jeschke in einem kleinen Zimmer und schliefen auf Stroh; aber Schwägerin Else, Meta und ich mußten uns dann jede Nacht verstecken. Wir schliefen auf Wiesen, die voller Reif waren, unterm Fußboden, im Keller und in Scheunen. Es war grausam. Meine Eltern nahmen alle ihre Enkel in Gewahrsam.

Einmal sollte meine Schwester vergewaltigt werden. Sie weigerte sich, stellte sich mit Sohn an die Bretterwand und schrie: "Schieß!". Sie war kreidebleich. Alle schrien fürchter-lich. Gerade kam ein russischer Arzt, der zum Fischen fahren wollte, und hörte das Geschrei. Meine Schwester war gerettet; aber der Russe, der meine Schwester vergewaltigen wollte, wurde mörderisch an Kopf und Körper geschlagen. Wir waren alle erschüttert.

Jeden Morgen wurden wir von Polen mit Gewehr zur Arbeit abgeholt. Es wurden die Bahnschienen abgerissen und verladen. Ich mußte Straße fegen und Häuser säubern. Ich hatte große Kreislaufbeschwerden. Man schickte mir den Arzt, der den Polen befahl, mich nicht wieder zur Arbeit zu holen. Mein Bruder Otto mußte in der Möllerschen Fleischerei arbeiten und Schwester Meta als Fleischerfrau auch. So konnte sie dort auch schlafen. Eine Nacht schlief ich auch dort. Dort waren ein russischer und ein polnischer Wachmann. Ich war in großer Sorge, da Siegfried zum Schafetreiben geholt wurde. Erst zu später Nacht kam er wieder.

Nach einiger Zeit flickten wir uns die Altenwohnung meiner Eltern aus und zogen dort ein. Es gab keine Nacht, in der wir uns nicht verstecken mußten. Meine Mutter opferte sich für uns auf. Meinem Vater ging es gesundheitlich nicht gut, Mutter selbst litt schon an Krebs, dazu betreute sie alle Enkelkinder. Einmal mußten wir uns alle an die Giebelwand stellen, um erschossen zu werden. Angeblich sollten wir Waffen vergraben haben. Eine alte Nachbarin, die polnisch sprechen konnte, sagte für uns gut, und so wurden wir gerettet. Einmal wurden alle Deutschen nachts zusammengerufen und mußten sich vor der Post (Bruder Ottos Haus) aufstellen und sollten erschossen werden. Die Angst war groß. Der katholische Pfarrer Hinz setzte sich für alle ein, und nach einiger Zeit konnten wir zurück.

Unsere evangelische Kirche wurde sauber gemacht, und Herr Mauß hielt die Andacht. Obwohl uns die Russen dazu geraten hatten, so mußte Herr Mauß danach doch Schweres ertragen. Es war eine schwere, unruhige Zeit. Wir beschäftigten uns mit dem Gedanken, wieder nach Berlin zu kommen. Von Pfarrer Hinz erfuhren wir, daß Berlin gesperrt wurde. So wan-derten wir zu Fuß nach Bütow, um uns die Papiere zu besorgen.

Wir schusterten aus dem Nichts einen kleinen Handwagen zusammen, den wir mit den wenigen Sachen, die wir noch besaßen, beluden, und verließen dann für immer unser liebes Großtuchen. Der Abschied von unseren schwer angeschlagenen Eltern war sehr schwer. Mutter begleitete uns noch bis zum Wald. Mit uns gingen noch zwei Frauen aus Berlin. Wir gingen in Richtung Rummelsburg. Bald versagte unser Handwagen, und wir baten Russen um Hilfe und fragten, ob sie uns mitnehmen würden. Die Frauen mit den etwas größeren Kindern sollten gleich mit ihnen in den Wald verschwinden. Meine kleine Ingrid war unser Schutzengel. So blieb Schwester Meta Gott sei dank bei mir.

Am ersten Tag schafften wir es bis an den Rand von Rummelsburg. Dort hatten wir das Glück, noch Deutsche anzutreffen. Wir konnten dort übernachten. In aller Frühe ging es weiter über Baldenburg (das dem Erdboden gleich war) nach Neustettin. Die Russen, die uns auf Lastern mitgenommen hatten, luden uns vorher ab. Wir trafen einen deutschen Lokführer, der uns in seine ausgeplünderte Wohnung mitnahm. Dort konnten wir bleiben. Er mußte Transporte für die Russen fahren. Morgens mußte er weg und wir auch. Am Bahnhof warteten wir auf den Zug nach Schneidemühl. Dort übernachteten wir am anderen Tag vorm Bahnhofsge-bäude mit vielen Flüchtlingen zusammen. Immer wieder waren Plünderer am Werk. Siegfried mußte den Bahnhofsplatz fegen. Endlich kam ein Zug. Er sollte nach Vorpommern fahren. Siegfried mußte immer noch fegen. In letzter Minute kam er. Wir fuhren über die Notbrücke von Stettin, wo Banden auf den Güterzug sprangen und wieder plünderten. Dann sind wir auch mehrere Kilometer gelaufen und übernachteten in einer Schule. Ein Russe hatte Wachdienst. Er sprach gut Deutsch. Wir sollten keine Angst haben. Sein Vater war nach Rußland ausgewandert. In aller Frühe ging es nach Bahnhof Strelitz.

Von dort kamen wir dann endlich nach Berlin. Zu Fuß ging es bis zur Wohnung meiner Schwester. Dort wohnten Bekannte, die ausgebombt waren, aber sie zogen gleich zu ihren Verwandten. Die Fleischerei war besetzt. Wir waren zufrieden, daß die Wohnung heil war und wir eine Bleibe hatten. Am nächsten Tag suchte ich mein Zuhause auf. Im Laden hatten sich Mieter aus dem Haus eingerichtet, deren Betrieb ausgebombt war. In der Wohnung lebte ebenfalls ein ausgebombtes Ehepaar. Der Mann wollte mich nicht reinlassen, aber das Wohnungsamt sorgte für eine andere Wohnung. Wie dankbar waren wir Schwestern, daß unsere Wohnungen heil waren. Nun fehlten nur die Nachrichten von unseren Männern. Metas Mann kam nach einigen Wochen unerwartet und sehr elend aus russischer Gefangenschaft nach Hause. Bald eröffneten sie ihre Fleischerei wieder.

Mein Mann war in englischer Gefangenschaft in Uetersen. Nach einiger Zeit erhielten auch wir voneinander Nachricht. Er hatte anfangs eine schwere Zeit, aber dann wurde für die Engländer eine Schneiderei eingerichtet, die er leiten mußte. Er konnte uns aus Resten geschneiderte Sachen für Siegfried schicken, für Ingrid Fallschirmseide, wovon sie Kleider kriegte. Für seine Arbeit bekam er öfter Zigaretten, Schokolade und Brot. So erholten wir uns und sahen allmählich schon menschlicher aus. Er wagte es sogar, schwarz über die Grenze zu uns zu kommen; aber wir waren dabei in großer Sorge, doch zum Glück ging alles gut.

Ende 1945 waren meine Eltern mit Bruder Ottos Familie aus Großtuchen in die Gegend von Anklam gekommen. Leider hatte mein Vater die schwere Zeit und Flucht nicht überstanden. Er starb elend im Viehwagen und mußte unterwegs im Wald mit den Händen eingekratzt werden. Meine Mutter, äußerst elend, habe ich von Vorpommern abgeholt. Zwischen Weihnachten und Neujahr wurde sie hier noch an Krebs operiert. Ganz allmählich erholte sie sich und blieb uns noch 5 Jahre erhalten, aber das letzte Jahr war ein grausames Leiden. Sie wohnte zuerst bei mir. Als mein Mann Mitte Mai 1947 aus der Gefangenschaft nach Hause kam, wurde es bei uns zu eng, und meine Schwester Meta nahm sie zu sich, obwohl sie es auch eng hatte. Dort starb sie am 31. August 1951.

Wir machten wieder unsere Schneiderei auf. Viel wurde aus alt neu gemacht. Es wurde getrennt, gewendet, aus zwei Sachen ein Stück genäht. Mit der Zeit wurde alles besser. Wir hatten 40 Jahre unsere Schneiderei und konnten 1980 unsere goldene Hochzeit feiern und waren dankbar für alles. Immer wieder hat uns Gottes Hand geleitet. Am 21. April 1983 verstarb mein Mann. Ich werde am 2. März 87 Jahre.

Berlin, im Januar 1996