Schwarz

Lenchen Orgas geb. Schwarz Ostrowskistraße 11 a 17438 Wolgast Tel. 03836-600844

Abschied von Großtuchen und Neubeginn

- Meine Erinnerungen als Kind und die Erzählung meines Vaters -

Es war an einem wunderschönen Wintertag im Februar 1945. Ich spielte auf unserem Hof. Meine Mutter rief mich zum Kaffeetrinken. Wir hatten einen Soldaten zur Einquartierung. Plötzlich rief der Soldat: "Alle hinwerfen, es fliegt ein feindliches Flugzeug." So fielen auch schon die ersten Bomben. Eine traf unseren Dunghaufen. Es war nur ein Klirren. Die Türen und Fenster fielen heraus. Der Dung war am ganzen Haus verteilt. Aber Verletzte und Tote gab es Gott sei Dank nicht.

Hinter unserem Grundstück beim Armenhaus waren viele Wehrmachtsautos mit Munition beladen aufgefahren. Wir erhielten Unterschlupf bei Matticks. Meine Eltern und unser Ukrainer-Mädchen gingen immer wieder nach Hause und versorgten das Vieh.

Vom 2. zum 3. März flüchteten wir. Ich wurde acht Jahre alt und bekam von einem Soldaten eine Tüte Bonbon. Mein Vater fuhr im Treck mit dem Pferdegespann nach Borntuchen. Meine Mutter, Tante Therese, meine Schwester Hanni und ich fuhren mit einem Soldatenauto bis Lauenburg. Mein Vater war mit meinem Onkel und Familie aus Borntuchen mit der Bahn geflüchtet. Auch mein Bruder Alfred kam dort hin. Er war zur Zeit in Bütow bei der Post in der Lehre. Horst Limberg und Alfred waren zu Fuß von Bütow nach Großtuchen gegangen. In Großtuchen haben sie keine Angehörigen mehr angetroffen und sind nach Borntuchen gelaufen.

Meine Verwandten und mein Bruder hatten es auch sehr schwer. Mein Bruder fuhr die russischen Leichen zur Obduktion und zur Bestattung. Alfred war erst 16 Jahre jung. In Lauenburg traf meine Schwester beim Einkaufen viele Großtuchener. Sie erzählten, daß unser Vater auch in Lauenburg ist. Die Freude war nur kurz. Dann mußte mein Vater zum Volkssturm, und wir waren wieder alleine.

Wir waren bei einer Familie Schwanz untergebracht. Es waren nette Leute. Kurz darauf nahmen die Russen Lauenburg ein. Wir waren im Keller versteckt. Auch dort wurden wir schnell entdeckt. Die ersten Worte waren "Uhri, Uhri." Auch meine Mutter mußte viel aushalten. Ein Russe legte ihr das Messer an den Hals. Wir Kinder schrien so laut wir konnten. Auch nachher mußte sie als Trümmerfrau gehen und Steine klopfen.

Im Juni sind wir von Lauenburg mit einem selbstgebauten Handwagen nach Großtuchen zurückgekehrt. Wir waren wohl 14 Tage unterwegs. Alle hatten Blutblasen an den Füßen. Wieder angekommen in Großtuchen, erkannten wir unser Haus bald nicht wieder. Die halbe Seite des Hauses war von einem Panzer durchschossen. Meine Mutter und mein Bruder richteten es wieder etwas ein, um darin wohnen zu können. Die Fenster waren mit Bretter verschlagen.

Plötzlich kehrte auch unser Vater aus der Gefangenschaft zurück. Er war sehr schwer krank. Danach arbeitete er bei einem polnischen Friseur, der auf dem Grundstück von W. Schlutt wohnte.

Im Dezember 1945 hielten wir es nicht mehr aus. Wir flüchteten zum zweiten Mal. Meinen Bruder und meinen Vater wollten die Polen durchaus zum Arbeiten behalten. Ein Herr Ma-lottki fuhr uns dann mit einem Pferdewagen und unserem Gepäck nach Bütow. Dann wurde es für uns alle furchtbar. Wir waren tagelang mit dem Zug unterwegs. In Scheune und Schneidemühl wurden wir dann total beraubt. Meine Mutter mußte ihren Mantel ausziehen, meine Schwester ihre Handschuhe. Meine Tante hatte nur ein Kopfkissen in einer Decke eingewickelt. Mein Vater behielt nur noch den Brotbeutel im Arm. Dann schoß ein Russe oder Pole aus dem Fenster. Mein Bruder wurde ständig als Partisan angesehen. Es sind unvergessene Tage gewesen.

Mein Vater mußte sich dann entscheiden, ob wir weiterfahren oder aussteigen wollten. Weil die Kräfte meiner Mutter und meiner Tante nachließen, stiegen wir in Hohendorf auf einem Bahnhof aus. Hohendorf liegt in Vorpommern (später DDR). Dort waren wir den ganzen Tag bei starkem Frost und Schnee auf der Straße. Gegen Abend wurden wir zusammen mit anderen Flüchtlingen ins Nachbardorf gebracht und in einem Saal mit einem Strohlager einquartiert. Essen gab es aus der Gulaschkanone. Es war furchtbar. Die Leute starben, die Kinder schrien.

Nach ein paar Wochen wurden wir dann bei einem Bauern einquartiert. Wir hatten ein kleines Zimmer. Mein Vater und mein Bruder arbeiteten für`s Essen. Aber Licht und Uhrzeit hatten wir nicht. 1948 übernahm mein Vater eine Siedlung. Im Herbst verstarb dann meine Mutter. Es waren harte Jahre für uns alle.

Das waren meine Erinnerungen aus der Kindheit.