Polzin

Familie Polzin Bledeln - Lindenallee 15 31191 Algermissen Tel. 05126/1596

früher: Groß Tuchen, Kreis Bütow Auf der Schidlitz

Flucht und Vertreibung unserer Familie aus Groß Tuchen in Pommern, Neubeginn in Bledeln, Eindrücke aus Groß Tuchen heute

Fritz Polzin hatte 1937 von seinen Eltern Albert Polzin und Auguste, geb.Kolberg, den Erbhof auf der Schidlitz (neben dem ev. Friedhof) in Groß Tuchen übernommen und 1938 Hilde Spitczok von Brisinski aus Zemmen geheiratet.1939 wurde ich, der Sohn Hildfried, und 1943 die Tochter Heidemarie geboren. Albert und Auguste Polzin lebten im gleichen Haus in der Altenteilwohnung. In der Arbeiterwohnung des Bauernhauses wohnte die Witwe des Schusters Ludewig .

Fritz Polzin hatte 1939 den Feldzug gegen Polen mitgemacht und war dann als Landwirt zunächst vom Wehrdienst freigestellt worden. Schließlich wurde er aber 1943 als Soldat zur Ostfront eingezogen.

Im Januar 1945 rückte die Front näher, und Flüchtlingstrecks und Militärkolonnen prägten seit Wochen das Ortsbild in Groß Tuchen. Auf unserem Bauernhof waren sowohl Flüchtlinge als auch Militär einquartiert. Die Herkunft der Flüchtlinge, die meine Mutter beherbergte, spiegelte den Rückzug der deutschen Front: Bessarabien, Litauen, Ostpreußen und schließlich Westpreußen. Wir bekamen so unmittelbare Einblicke in das große Flüchtlingselend.

Im Februar erfolgten russische Tieffliegerangriffe, bei denen militärische und zivile Ziele mit Bordwaffen und Brandbomben angegriffen wurden. Der größte Teil der Gebäude auf dem Bauernhof meiner Großeltern im Nachbarort Zemmen wurde durch Brandbomben zerstört. Auch der vorbereitete Flüchtlingswagen wurde ein Opfer der Flammen, und so suchten meine Großeltern Emil Spitczok von Brisinski und Ida, geb. Trapp, Zuflucht bei Tochter Hilde auf dem Hof der Polzins in Groß Tuchen.

Zwei Ackerwagen wurden auf der Scheunentenne bei Polzins als Wagen für den Flüchtlingstreck ausgerüstet, einen sollte mein Großvater Albert und einen meine Mutter Hilde führen. Einen Tag nach Zemmen kam am 3. März (viel zu spät für die Region) der Räumungsbefehl für Groß Tuchen. Man konnte inzwischen schon den Geschützdonner der nahenden Front hören, und das Feuer der Kämpfe färbte den östlichen Nachthimmel rot. Deutsche Frontsoldaten quartierten sich auf unserem Hof ein. Es waren rauhe, ausgemergelte Gestalten, die den kompletten Rückzug aus Rußland als Frontsoldaten mitgemacht hatten. Entsprechend sahen ihre Uniformen und Ausrüstungen aus. Sie hatten wohl viel Elend gesehen und erlebt. Hilde bat den Offizier, seine Truppe möge sich doch auch um die Viehfütterung kümmern und beklagte, daß sie soviel zurücklassen müßte, was ihr lieb und teuer sei. Darauf raunzte der Soldat sie resignierend an: "Ihr werdet noch froh sein, wenn Ihr mit dem Rucksack weiterziehen könnt!" Hilde wollte seine Meinung nicht akzeptieren und wandte sich entrüstet ab.

Der erfahrene Frontoffizier sah die Lage ganz realistisch, denn er wußte, daß seine Truppen eingekesselt, und der östlichste Teil Pommerns ohne Nachschub militärisch nicht zu halten war. Die Russen standen ja schon durch Zangenbewegungen vor Kolberg und Stettin und hatten so in Hinterpommern zwei große Kessel gebildet.

Die Auffahrt zu unserem Hof war durch die schweren Militärfahrzeuge zerfurcht und für unsere Flüchtlingswagen inzwischen unpassierbar geworden. Die Zugmaschine eines Geschützes schleppte dann aber die beiden Wagen durch den aufgewühlten Weg zur Straße. Große Erleichterung kam auf, als beide vollgepackten Fahrzeuge diesen Gewaltakt ohne ersichtliche Schäden überstanden hatten.

Am Abend begann für unsere Familie mit den beiden umgerüsteten Ackerwagen, jeweils von zwei Pferden gezogen, der Flüchtlingstreck. Unsere russischen Fremdarbeiter Wladi und Iwan begleiteten uns. Wladi fuhr auf Hildes Wagen, und Iwan war Gehilfe bei Albert. Auch unsere Magd Sophie gehörte zu Hildes Gemeinschaft und Oma Ludewig aus der Arbeiterwohnung auf dem Hof, die sich besonders um Heidemarie kümmerte. Der Bruder meiner Großmutter Ida, Emil Trapp, hatte seinen Bauernhof auch in Groß Tuchen, so daß Emil und Ida Spitczok zunächst auf dessen Wagen mitfuhren, weil er mehr Platz hatte. Man wollte in enger Verbindung bleiben.

Die 7. Panzerdivision konnte am 1. März bei Reinwasser / Adlig Briesen, Kreis Rummelsburg (ca. 20 km von Groß Tuchen), in einem verlustreichen Gefecht einen russischen Panzervorstoß zurückschlagen. Die Russen brauchten Zeit, um neues Material heranzuführen. Deshalb konnte drei Tage die Front bei Flötenstein / Bölzig gehalten werden. Danach zogen sich die deutschen Panzer über Lonken, Buroschkowo kämpfend, aber der Übermacht weichend, bis nach Reckow zurück. Vor dem Schimritzberg bei Reckow und Franzwalde stellten sich dann die Reste der 7. Panzerdivision zu ihrem letzten großen Gefecht. Material-, Kraftstoff- und Munitionsmangel konnte diesmal nur durch Mut und Tapferkeit ersetzt werden. Nach den verbissenen Kämpfen lagen im Raum Reckow - Franzwalde - Groß Tuchen etwa 50 zerstörte Panzerfahrzeuge, überwiegend russische Sherman und T 34. Die deutsche 7. Panzerdivision zog sich danach mit nur noch 25 Fahrzeugen für immer geschlagen zurück.

Die Reste der 32. Infanterie-Division hatten parallel im Raum Ransfelde - Zemmen - Groß Tuchen - Reckow eine Verteidigungslinie aufgebaut, um den Flüchtlingen zeitlich ein Entkommen zu ermöglichen. Bis zum 7. März wurde diese Stellung gehalten. Groß Tuchen mußte schließlich in der Nacht zum 8. März von der deutschen Infanterie in Richtung der Kreisstadt Bütow geräumt werden. Bütow wurde fast menschenleer und unzerstört kampflos den Russen überlassen. Die Reste der 32. Infanterie-Division zogen sich dann unter hinhaltenden Gefechten in Richtung Karthaus / Danzig bis auf die Halbinsel Hela zurück. Bütow wurde von den Rotarmisten nach der Besetzung am 9. März gebrandschatzt und dabei in der Innenstadt stark zerstört.

Die Wagen des Dorfes Groß Tuchen sollten und wollten zusammenbleiben. Aber durch das nächtliche Chaos auf den Straßen und die bevorzugte Durchschleusung der Militärkolonnen brach der Treck schon nach wenigen Stunden auseinander, und wir verloren auch auf Dauer die Verbindung zu unserem zweiten Wagen mit meinen Großeltern Albert und Auguste Polzin. Aufgrund dieser erschreckenden Erfahrung übernahm Hilde bei der nächsten Gelegenheit ihre Eltern auf unseren Wagen. Dies war ein kluger und gerade noch rechtzeitiger Entschluß, der für das spätere Schicksal der Familie entscheidend sein sollte. Ziemlich willkührlich rollte unsere kleine Wagengruppe in den nächsten Tagen mit vielen Umleitungen und wechselnden Zielvorgaben durch die Landkreise Bütow und Stolp.

Inzwischen waren nämlich die Russen von Süden über Köslin ein weiteres Mal bis an die Ostsee durchgebrochen, und der Fluchtweg nach Westen war für uns abgeriegelt. Über Stolp schwenkten einige russische und polnische Verbände in Richtung Lauenburg / Danzig ein. Deshalb wurden die Flüchtlinge in Richtung Leba bzw. Danzig zur Evakuierung über die Ostsee umgeleitet.

Wir waren am Freitag, dem 9. März, in Richtung Leba bis hinter Stojentin gekommen. Es war ein sonniger Vorfrühlingstag in der kleinen Ortschaft Poblotz. Wir standen mit unserem Wagen an der Durchgangsstraße. Das deutsche Militär räumte kampflos. Zum Schluß knatterte noch ein Krad mit zwei deutschen Soldaten heran. Diese schrien: "Die Russen kommen!" und brausten davon. Danach bedrohliche Stille - für eine Stunde. Dann zogen die russischen Panzerspitzen gegen 10 Uhr aus Richtung Stolp kommend mit Soldaten in adretten Uniformen und mit glänzenden Waffen in flotter Fahrt an uns vorbei. Zu unserem Glück waren wir nicht bei Kampfhandlungen zwischen die Fronten geraten. Die Russen winkten freundlich und riefen uns zu: "Nach Hause, nach Hause!". Nun standen wir ratlos um unseren Wagen herum.

Schlimme Szenen gab es aber, als nach einiger Zeit die russische Infanterie und der Troß nachrückten. Betrunkene, plündernde, marodierende Horden fielen ein: "Uri,Uri - dawai, dawai - Frau, komm!" und dazwischen Schüsse, Plünderungen, Vergewaltigungen und Angstschreie. Männer und Frauen, die sich schützend vor ihre Angehörigen stellten, wurden zusammengeschlagen, erschossen oder abgeführt. Fuhrwerke wurden enteignet und das Gepäck heruntergeworfen. Wehe den Besiegten... Nur langsam ging es dann mit Pferd und Wagen wieder zurück in Richtung Bütow. Plünderungen, Erschießungen, Vergewaltigungen und Verschleppungen erlebten wir nun täglich. Wladi, unser Ukrainer, konnte nur noch kurze Zeit Wagen und Familie vor den Übergriffen der Soldateska schützen. Dann wurde er von sowjetischen Fahndungstrupps identifiziert und festgenommen. Für ihn war die Alternative: Mitgehen oder Erschossenwerden. Es gab einen kurzen, bewegenden Abschied, und wir haben von dem treuen Wladi kein Lebenszeichen mehr erhalten. Fremdarbeiter galten bei der Roten Armee als Kolaborateure. Überlebten sie überhaupt die Rückführung in die Sowjetunion, so kamen sie häufig erst in Straflager und dann für Jahre in die Verbannung.

In diesen Tagen schloß sich die Lehrerfamilie Nemitz aus Radensfelde unserer Notgemeinschaft an. Um nicht den Russen in die Hände zu fallen, verließen meine Mutter Hilde und die Nemitz-Tochter den Treck und folgten dem Fuhrwerk, so gut es ging, neben der Straße auf Waldwegen. Nur im Schutze der Dunkelheit konnten sie gelegentlich beim Wagen vorbeischauen. Hilde dankte Gott, daß sie ihre Eltern in diesen schlimmen Zeiten an ihrer Seite hatte. Emil lenkte den Wagen. Ida und Oma Ludewig sorgten für uns Kinder und die Verpflegung. Alte Leute und Kinder wurden von den Russen doch nicht so drangsaliert. Unser gutes Pferdegespann wurde uns bald von den Russen abgenommen, und als Ersatz ergatterten wir glücklicherweise zwei klapprige Gäule, von denen einer hinkte und der andere krank war. Was den Russen gefiel, wurde uns vom Wagen geraubt; manches mutwillig zerstört.

Nur noch schleppend ging die Fahrt weiter. An Straßensteigungen mußten wir die Wagenladung verringern, und unersätzlicher Familienbesitz landete im Straßengraben. In Strussow bei Verwandten konnten wir uns ein paar Tage erholen, Nachrichten sammeln, Proviant beschaffen und uns neu orientieren. Der Weg der Familie Nemitz trennte sich hier von unserer Route.

Inzwischen war es Mitte März geworden, und es ging über Moddrow weiter heim. Vor Groß Tuchen war die Brücke über die Eisenbahnlinie gesprengt, da mußten wir den Großen See auf Feldwegen umfahren, um in das Dorf zu kommen. Die Wege waren in einem fürchterlichen Zustand, aber wir schafften es bis zu Knitters verlassenem Bauernhof. Dort wurde noch einmal übernachtet, und dabei fand Hilde in der Scheune Gepäckstücke, die Albert und Auguste Polzin auf ihrem Rückweg zur Erleichterung ihres Wagens abgeladen hatten. Die Schwiegereltern waren also schon zurück.

Über den See konnten wir erkennen, daß unser Gehöft noch stand. Glücklich kehrten wir heim und fanden Albert und Auguste gesund wieder. Fast alle Angehörigen, einschließlich Fau Ludewig, die Hilde und die Kinder während der ganzen Flucht begleitet hatte, waren wohlbehalten zurückgekehrt. Nur die Dienstmagd Sophie (Fiechen) war auf dem Rückweg verlorengegangen. Sie traf einige Zeit später aber auch zu Hause ein. Die Wohnungen waren geplündert, besudelt und teilweise demoliert. Tierkadaver lagen herum. Aber in den Ställe hatten noch einige Kühe und Schweine überlebt. Im Schweinestall hatte sich sogar Nachwuchs eingestellt. Es hatte in Groß Tuchen Leute gegeben, die das Vieh notdürftig versorgt hatten.

Wir waren wieder zu Hause und hatten unser eigenes Dach über dem Kopf. Weil ihr Hof in Zemmen durch den Fliegerangriff weitgehend zerstört war, blieben meine Großeltern bei uns in Groß Tuchen auf dem Polzin'schen Hof.

Das Stromnetz war zerstört, und Licht wurde von Petroleumlampen, Kerzen und Bunkerlichtern gespendet. Streichhölzer waren große Mangelware und letzte Stücke wurden wie Schätze gehütet. Feuerzeuge waren nebst Goldringen und Uhren den Deutschen meist abgenommen worden. Mit eingewickelten Briketts rettete man im Herd die Glut von einem Tag zum anderen. Pulver aus umherliegender Munition entfachte am nächsten Morgen aus den Glutresten ein neues Feuer. Lupen und Linsen waren als Brenngläser nützlich und damit begehrte Tauschobjekte; denn damit konnte man wenigstens bei Sonnenschein Feuer machen.

Meine Großväter Albert und Emil bewirtschafteten, so gut es ging, den Hof. Unser kleine Rindviehbestand wurde von den Russen abgetrieben. Albert konnte aber mutig seine Lieblingskuh Rike den Russen entreißen. Durch Zuruf lockte er das Tier aus der großen Herde heraus, und weil Rike ihm dann auf dem Fuß folgte, ließen die verblüfften Russen die beiden ziehen. Nach und nach erhielten wir von den durchziehenden Viehherden wieder ein paar kranke Kühe in den Stall, die zwar unter Maul- und Klauenseuche litten, aber noch etwas Milch gaben. Abgekocht war die Milch ein wichtiges Nahrungsmittel. Unter größten Problemen wurden ein paar Felder bestellt und später auch abgeerntet. Man ahnte, daß im nächsten Winter Not sein würde. Aber es kam dann ganz anders.

Die deutsche Bevölkerung war inzwischen in GroßTuchen von allen Nachrichten und Informationen abgeschnitten. Es gab keine Zeitung, kein Radio und keine Post. Am 9. Mai (wegen der Zeitverschiebung einen Tag später) feierten die Russen mit großer Ausgelassenheit die Kapitulation, den Sieg über Hitler-Deutschland und das Kriegsende. Danach machten nur wieder Gerüchte die Runde. Horrormeldungen über Hunger und Elend in Berlin und anderen Großstädten beunruhigte und verunsicherte die Zurückgebliebenen. Nur hin und wieder brachten einzelne Rückkehrer aus Rest-Deutschland verläßliche Informationen.

Viele Frauen und Männer waren von den Russen nach Graudenz in ein Sammellager verschleppt worden. Vor dem Abtransport nach Rußland zur Zwangsarbeit forderte der Tod auf den Märschen und im Lager durch Hunger und Seuchen einen hohen Anteil. Einen Teil der Schwererkrankten ließen die Russen anläßlich der Siegesfeier laufen, und diese schlugen sich zu Fuß mit Weggenossen in Richtung Bütow / Rummelsburg durch. Sie kamen erschöpft, schlecht ernährt, verlaust und abgerissen in Groß Tuchen an.

Im Laufe der folgenden Monate übergaben die Russen die Macht an die Polen. Es gab nun immer noch Übergriffe auf die deutsche Bevölkerung, und wir wurden von Polen und ihrer Miliz schikaniert (Überfälle, Raub, nächtliche Apelle zur Einschüchterung, Märsche zur Desinfizierung und Entlausung in einen Nachbarort, willkürliche Verhaftungen mit Folterungen usw.).

Vom Organisten Herrn Mauß wurde in Gr. Tuchen ein evangelischer Gedenkgottesdienst in der voll besetzten evangelischen Kirche abgehalten und dabei auch der Toten und Vermißten gedacht. Bei der Verlesung der Opfer weinten die Angehörigen und deren Bekannte. Wegen Volksaufwiegelung wurde Herr Mauß daraufhin verhaftet, nach Bütow in das Gefängnis verschleppt und dort schwer mißhandelt. Gebrochen und krank kehrte er zurück.

Gegen unsere Familie hatte die polnische Führung im Ort keinen besonderen Haß oder Groll, und denunziert wurden wir auch nicht. So konnten wir am Dorfrand auf der Schidlitz relativ unbehelligt leben. Der direkt an unser Gehöft angrenzende evangelische Friedhof war bei Nacht wohl manchen Polen auch etwas unheimlich.

Mitte September 1945 fand eine Familie aus Polen Gefallen an unserem Hof. Großvater Albert's intakte Fischereiausrüstung (Kahn, Reusen, Netze usw.) und der von Hilde wieder hergerichtete Bienenstand waren entscheidende Kriterien für die Begehrlichkeit. (Beide Einrichtungen hatten unsere Nahrungbasis durch ausreichend Fisch und Honig bis dahin gut ergänzt). Wir wurden enteignet und mußten unter Zurücklassung unserer Möbel und Ausstattung zu Oma Ludewig in die Arbeiterwohnung ziehen. Für meine Mutter war es eine weitere bittere Etappe auf dem Weg zum Totalverlust. Wir wurden praktisch besitzlose Arbeitssklaven der Hofbesetzer. (Daß unser Hof der polnischen Familie kein Glück brachte, steht auf einem anderen Blatt. Beim Fischen auf dem See wurden die beiden Männer der Familie im folgenden Jahr durch einen Sprengkörper im Netz, der sich dort noch aus Kriegstagen befand, getötet.)

Die Enteignung der zurückgekehrten Deutschen in Groß Tuchen und Zemmen erfolgte im Jahre 1945 zunächst planlos und willkürlich. Zum Teil übernahmen polnische Arbeiter oder Mitglieder der kaschubischen Minderheit, die sich jetzt zu Polen bekannte, die Bauernhöfe, Geschäfte oder Handwerksbetriebe ihrer früheren Arbeitgeber und Nachbarn. Sie besetzten die besten Höfe und Häuser im Ort und enteigneten somit die bisherigen deutschen Besitzer. Erst später erschienen dann Familien aus Polen und beteiligten sich an der Landnahme.

Diese Enteignung wurde durch die örtliche polnische Verwaltung unterstützt, und die betroffenen deutschen Familien waren dabei völlig rechtlos. Evangelische deutsche Familien konnten nicht die polnische Staatsangehörigkeit annehmen, und deren Kinder durften auch nicht zur polnischen Schule gehen. Für sie war die Ausweisung und Umsiedlung in das Restdeutschland durch die Alliierten beschlossen. Dies war aber den Deutschen in Groß Tuchen nicht bekannt und für sie auch nicht vorstellbar. Nur dringend benötigte Spezialisten durften / mußten bleiben um Zwangsarbeit zu leisten. Sie wurden z.T. später jahrelang an der Ausreise gehindert.

Am 15. November 1945 erfolgte dann unsere Ausweisung. Auf die große Reise in das Ungewisse gingen wir mit sieben Personen: Meine Mutter Hilde mit mir und meiner jüngeren Schwester Heidemarie, meine Großeltern Albert und Auguste Polzin sowie Emil und Ida Spitczok von Brisinski. Oma Ludewig blieb schweren Herzens bei ihrer hochschwangeren Tochter Grete und deren Familie zurück. Sie wäre unter anderen Bedingungen sicher mit uns gereist. Der Frontoffizier, mit dem Hilde kurz vor unserer ersten Flucht gesprochen hatte, sollte leider Recht behalten. Als Gepäck hatte jeder von uns nur noch einen selbstgeschnei-derten blauen Rucksack mit dem Notwendigsten und einigen Lebensmitteln. Wir waren heimatlos geworden und wußten nicht, wohin das Schicksal uns verschlagen würde.

Zusammen mit einer ganzen Reihe von Familien aus Groß Tuchen und dem Kreis Bütow wurden wir auf dem Güterbahnhof Bütow in einen Viehtransportzug verladen. Es war jahreszeitgemäß kalt. Etwa 30 - 40 Menschen kamen mit ihrem Gepäck in einen kahlen Viehwaggon ohne Strohschütte. Es gab kein Licht, keine Heizung, kein Wasser und keine Toilette. Man hockte und lag auf dem eigenen Gepäck. Ein mehrtägiger strapaziöser Zugtransport über Rummelsburg, Schneidemühl, Landsberg nach Westen begann. Plünderungen durch Polen und Übergriffe durch Russen bei Wartezeiten auf Abstellgleisen waren üblich. Die hygienischen Verhältnisse während des Transportes waren katastrophal. Durch Zufall blieb uns das berüchtigte Zwangsdurchgangslager Küstrin in Polen erspart. Angeblich hatten betrunkene Russen den Zug nach Berlin entführt (?). Nach drei Tagen Bahnfahrt war auf einem Güterbahnhof im Osten Berlins Endstation. Ein Auffanglager aus Baracken am Stadtrand von Berlin-Lichterfelde in der sowjetisch- besetzten Zone war unsere erste Notunterkunft mit Massenquartieren. Die Familien aus unserem Transport wurden dann in den nächsten Tagen nach Mecklenburg weitergeleitet und dort verteilt. Unsere Verwandten in Berlin (Albert Polzins Bruder Otto) hatten erste Briefe von meinem Vater Fritz Polzin aus einem Lazarett bei Hannover erhalten und dann noch die Nachricht, daß er entlassen wurde und bei einem Bauern dort Arbeit gefunden hatte.

Hilde erhielt bei Besuchen ihrer zahlreichen Verwandten in Berlin manchen Hinweis auf den Verbleib von Angehörigen, Freunden und Bekannten. Generell ging es den Leuten in Berlin sehr schlecht, denn es gab wenig zu essen, und es waren viele Verluste zu beklagen. Hilde nahm mich, den sechsjährigen Sohn Hildfried, gerne als "persönlichen Schutz" vor Übergriffen und Verschleppung auf ihre Erkundungsreisen mit. Die Fahrten in den meist überfüllten, notdürftig zusammengeflickten Verkehrsmitteln waren nicht ungefährlich. Auch wir mußten manchmal draußen auf den Trittbrettern oder Puffern der Züge stehen. Ich hatte große Angst, wenn die Fahrt über die zahlreichen Brücken der Kanäle und Flüsse ging, und der Blick durch die Eisenträger auf das Wasser fiel. Dann kamen oft unendlich lange Fußmärsche durch zerstörte Straßenzüge und Trümmer-landschaften, bis wir die gesuchte Adresse fanden. Manchmal trafen wir die Gesuchten auch gar nicht an oder das Haus war zerstört bzw von den Siegern besetzt..

Lebensmittel und Getränke gab es für uns nicht zu kaufen; denn wir hatten keine Lebensmittelkarten. Ungekochtes Wasser durfte man nicht trinken. So waren wir auf unsere Brote und auf Verpflegung bei den Besuchten angewiesen.

In Berlin bestanden Ende 1945 große Versorgungsengpässe. Ausgebombte und Evakuierte kehrten zurück, entlassene Soldaten und Flüchtlinge bevölkerten die Stadt. Die Stadtbezirke waren großflächig zerstört. Der öffentliche Verkehr kam nur langsam wieder in Gang, und es fuhren nur unregelmäßig S-Bahn-Züge. Busse und Straßenbahnen gab es noch weniger. Groß-Berlin war in vier Sektoren aufgeteilt. Regiert wurden diese von der jeweiligen Besatzungsmacht. Es herrschte wegen der Kriegsschäden große Wohnraumnot und Obdachlosigkeit. Elend und Not sah man überall.

Meine Großeltern Albert und Auguste Polzin trennten sich von uns und zogen auf den Bauerhof eines Cousins (Otto Both) in Mecklenburg. Für die ganze Familie war dort nicht genügend Platz, und für Berlin gab es keinen Zuzug. Hilde entschied, daß der Rest der Familie versuchen sollte, sich zu Fritz nach Hannover durchzuschlagen. Das war mutig geplant, aber zu der Zeit schwierig zu realisieren. Hannover lag damals in der britischen Besatzungszone. Es stand wieder eine Reise ins Ungewisse bevor.

Nach vielen vergeblichen Versuchen erhielt dann unsere Familie einen Platz auf einem Transport nach Westen. Wir wurden aber am Morgen zu spät aus unserem Lager entlassen und verpaßten den Zug. Trotz der Enttäuschung kam kurze Zeit später große Freude auf, als wir unsere vorausgeschickten blauen Rucksäcke am Bahngleis wiederfanden. Andere Flüchtlinge hatten bei dieser Aktion all ihr Gepäck oder zumindest Teile davon verloren. Wegen dieser schlechten Erfahrungen gingen wir nicht in das Lager zurück, sondern kampierten auf dem Bahnhofsgelände. In den nächsten Tagen wurde ein neuer Transport zusammengestellt, und wir rollten endlich gen Westen. An der Zonengrenze war die Zugfahrt zu Ende. Wir kamen wieder einmal in ein Durchgangslager (Grasleben /Nähe Helmstedt). In jedem Lager gab es die obligatorische Behandlung mit DDT-Pulver gegen Ungeziefer. Es war unangenehm, hat aber geholfen, und wir blieben von diesen Quälgeistern verschont.

Von hier mußten wir mit unserem Gepäck über die Grenze von der sowjetischen zur bri-tischen Besatzungszone zu Fuß gehen. Das glückte aber erst nach ein paar Tagen; denn man mußte sich morgens vor dem Schlagbaum aufstellen, und mittags durfte nur ein bestimmtes Kontingent passieren. Der große Rest wanderte wieder zurück ins Lager. Um unsere Chancen zu verbessern, übernachteten wir schließlich trotz Schnee neben dem Grenzübergang im Wald. Es war naßkalt, meine Schwester Heidemarie hatte am Morgen gefrorene Socken in ihren Stiefelchen. In der Morgendämmerung gehörten wir dann zu den ersten Gruppen vor dem Schlagbaum. An diesem Morgen warteten wieder Tausende, und diesmal wurden alle von den russischen Posten ohne Kontrolle durch-gelassen.

Fünf Tage nach unserer Abreise aus Berlin erhielten wir am 8. Dezember 1945 eine Notunterkunft im Bahnhofsbunker in Hannover. Hilde machte sich von hier auf, um ihren Fritz zu suchen. Sie fand ihn nach beschwerlicher Straßenbahnfahrt und langem Fußmarsch bei Bauer Voges in Wehmingen bei Sehnde wieder. Herr Voges war recht unfreundlich und verärgert wegen des unerwarteten, drohenden Zuzugs unserer Großfamilie mit 5 Personen. Hilde sagte:" Hier bleibe ich nicht!", und mein Vater suchte und fand für seine Familie eine Unterkunft in Bledeln (nördlicher Landkreis Hildesheim) bei Bauer Adolf Hahne. Er hatte bei diesem Bauern als Verwundeter bei der Heuernte auf den Wiesen beim Lazarett Hohenfels geholfen. Wir gehörten zu den ersten Flüchtlingen in diesem Ort. Evakuierte gab es dagegen schon zahlreich. Die Anmeldung erfolgte am 11. Dezember 1945 beim Bürgermeister in Bledeln. Unsere Wohnung bestand aus zwei kleinen Zimmern und einem Flur, gelegen über der Waschküche des Hofes. Die ersten Möbel wurden von der Bauerfamilie gestiftet, die auch in den ersten Tagen die Verpflegung übernahm. Unser Eßgeschirr besorgte Fritz von der Abfallhalde der englischen Kaserne in Hohenfels. Aus der dortigen Munitionsfabrik holte er auch stabile Munitionskisten, aus denen provisorische Kleinmöbel für uns gebaut wurden. Mit Fußabtretmatten aus gepflochtenem Stroh und Körben aus Weidenreisern, die vor allem Großvater Emil machte, begann mein Vater einen intensiven Tauschhandel. Das half weiter. Es war Schwarzmarktzeit und das Reichsmark-Geld, das wir gerettet hatten, war nicht mehr viel wert.

So wurde das Weihnachtsfest 1945 in eigenen Räumen ohne Hunger in bescheidener Zufriedenheit begangen. Für die Kinder gab es kleine Geschenke aus der Nachbarschaft, und die Erwachsenen freuten sich, daß die Familie Krieg, Flucht und Vertreibung überlebt hatte und vor einem neuen Anfang stand. Aber wir glaubten an eine Rückkehr nach Groß Tuchen in Pommern.

Mein Vater arbeitete in Bledeln auf dem Bauernhof der Familie Hahne, und dadurch war die Familie gut versorgt und hat in Bledeln nie Not gelitten. Noch einmal schlug dann das Schicksal zu. Meine Schwester Heidemarie starb im März 1946 nach schwerer Kankheit an Hirnhautentzündung. Dieser Tribut an die Kriegsfolgen (viele Kinder erlagen damals dieser Infektionskrankheit) war für uns alle ein schmerzlicher und unersetzlicher Verlust.

Aus der zu engen Wohnung auf dem Karterschen Hof folgte bald der Umzug in das Haus Nr. 8 an der Breiten Straße. Hier gab es genügend Platz und auch Stallungen für eigenes Vieh (Schweine, Ziegen, Kaninchen und Hühner). 1951/52 begann der Neubau eines eigenen Hauses in der Lindenallee im Rahmen einer Nebenerwerbssiedlung für vertriebene Landwirte. Hildes Eltern waren in dieser Zeit eine große Hilfe, und ihr Bruder Emil wirkte am Bau und Ausbau des Hauses mit. Es folgten arbeitsreiche, aber insgesamt gute und glückliche Jahre für die Familie.

Die Großeltern Emil und Ida Spitczok lebten bis zu ihrem Tod 1963/64 bei uns in Bledeln.

Die Großeltern Albert und Auguste Polzin wurden einige Jahre nach dem Krieg von ihrer Tochter Marie aus Mecklenburg in der sowjetischen Zone nach West-Berlin geholt. Sie verbrachten dort in Wilmersdorf bei der Schwägerin Awanda einen ruhigen Lebens-abend. Albert verstarb 1954 und seine Frau Auguste 1956.

Im Jahre 1967 heiratete ich und zog mit meiner Frau Helga zu Fritz und Hilde in das Haus in der Lindenallee. Unsere Tochter Christina wurde am 25.04.1968 geboren. 1975 bauten wir auf dem Nachbargrundstück ein Haus. Fritz und Hilde haben dabei tüchtig mitgeholfen.

Mein Vater Fritz Polzin ist am 25. Januar 1994 im Alter von fast 89 Jahren gestorben.

Inzwischen bin ich einige Male in Groß Tuchen gewesen, erstmals 1969 anläßlich der Posener Messe; auf der ich geschäftlich zu tun hatte. Mir kam alles um die Hälfte kleiner vor, war ich doch nun ein erwachsener Mann, und meine Kinderbeine hatten damals mehr Schritte machen müssen. ...und ich vermißte unsere schöne Seenlandschaft! Die Groß Tuchener Seen, durch die die Kamenz floß, haben die Polen Jahre nach der Vertreibung trockengelegt, um Nutzfläche zu gewinnen. Es wächst dort aber bis jetzt nur Gebüsch und Gestrüpp, und so überlegt man heute, die Seen wieder anzustauen. Meine Eltern haben auch beide Groß Tuchen wiedergesehen. Der Verfall und Niedergang des Polzin'schen Hofes ist seit dem Einmarsch der Russen ständig fortgeschritten. Die Eigentümer wechselten. Überfällige Reparaturen durch Kriegsschäden wurden z.T. verspätet durch Teilabriß erledigt. Die heutige Besitzerin, inzwischen durch ihr Geschäft in Groß Tuchen eine wirtschaftlich gut gestellte Frau geworden, scheint nach dem Neubau eines schmucken Wohnhauses an der Dorfstraße ihr Interesse am Hof verloren zu haben. Mein persönlicher Entschluß nach dem letzten Rundgang über den Hof im Sommer 1995: ohne zwingenden Grund betrete ich den früheren elterlichen Hof nicht mehr.

Die große evangelische Kirche, die 1945 durch Kampfhandlungen am Turm und Dach beschädigt war, ist in den folgenden Jahren ausgeplündert worden. Selbst die Altar- Fliesen wurden herausgebrochen. Zurück blieb eine Ruine aus rotem Backstein. Wie war das möglich, ein Gotteshaus in einem christlichen Land so zu schänden, und hätte der respektierte katholische Pfarrer Hinz, gebürtig aus Stüdnitz, Krs. Bütow, der sein Pfarramt schon zur deutschen Zeit angetreten hatte, nicht doch anders entscheiden müssen?... Erst seit einigen Jahren will man diese Kirche statt der zu klein gewordenen katholischen Kirche nutzen. Sie hat schon ein neues Dach bekommen und Türen waren bereitgestellt, aber es werden noch viele, viele Spenden nötig sein, um sie in den Zustand zu bringen, in dem sie 1945 nach Kriegsende war.

Denke ich an Groß Tuchen und die Vertreibung, dann fühle ich Trauer im Herzen - aber keinen Groll oder Haß. Die Versöhnung in einem freien, vereinten Europa ist nach 50 Jahren auf einem guten Weg und läßt hoffen.

Algermissen-Bledeln, im April / Mai 1995 (50 Jahre nach Kriegsende), Weihnachten 1995 ergänzt