Abschied und Wiedersehen



Karl H. Radde

Dresden, Januar 1995                          
früher: Großtuchen (Obermühle / Abbau)

Erinnerungen eines damals 12jährigen
nach einem halben Jahrhundert
an die Deportation aus seiner pommerschen Heimat und an die spätere Wiederbegegnung mit dieser.



I. Aufbruch aus Großtuchen

Als ab Oktober 1945 die ersten Großtuchener nach der Rückkehr von der Flucht im März zum zweiten Mal den Weg in das große Ungewisse antraten - bei uns auf der Obermühle waren es die Familien Pelz und Basowske - , stand für uns fest: "Wir bleiben hier!" *)

 *) Zu unserer Familie gehörten damals: Ottilie Radde geb. Dobersalske mit Tochter Minna Radde, in Großtuchen im Haus neben Gustav Kramp; Emma Radde geb. Schütz (aus Klein Massowitz), Ehefrau von Paul Radde, mit den Kindern: Edith (jetzt: Ulrich, Aken), Karl H. (jetzt: Dresden), Ulrich (1954 im Alter von 16 Jahren tödlich verunglückt), Heinz (jetzt: Küttigen, Schweiz) sowie Helene Biastoch geb. Radde, Ehefrau von Ernst Biastoch (aus Zemmen), mit den Kindern Traute (jetzt: Geisler, Schmalzerode) und Karl-Heinz (jetzt: Halle/Saale), in Großtuchen im Haus neben Gustav Kramp [am Dreieck, an der Straße nach Neuhütten).

Uns ging es auf unserem Abbau auf der Obermühle gut. Von zuverlässigen Freunden umgeben, dicht bei Pyaschen (Franzwalde) und Zemmen, wo nur alte Bekannte lebten, fühlten wir uns auf unserem Bauernhof an der Kamenz geborgen und kannten Hunger und Kälte nicht. Wir waren unser eigener Herr und wirtschafteten nach eigenem Ermessen. Oma Ottilie Radde hatte die Leitung der Wirtschaft fest im Griff. Unser Grundstück interessierte vorerst keinen Polen. Die Gebäude waren alt, das Wohnhaus war durch einen Artillerietreffer schwer beschädigt und die Felder waren von Schützengräben und Geschützstellungen aufgewühlt und von Minen und Blindgängern verseucht, denn unser Gehöft lag genau in dem Frontabschnitt, in dem der 70. Sowjetarmee nach dreitägigem erbittertem Angriff der Durchbruch von Reckow - Pyaschen - Groß Massowitz gelungen war, nachdem sie ihre 6. motorisierte Einheit eingesetzt hatte. Dementsprechend sah es auf unseren Feldern aus. Es gab mehr zu holen auf anderen Grundstücken in Großtuchen, damals.

Für diese Entscheidung gab es mehrere Gründe. Daß unser Bütower Land in Ostpommern jemals ganz von Deutschland abgetrennt werden könnte, war für uns unvorstellbar. Die Russen waren im Herbst bei Nacht und Nebel abgezogen, und die Polen kamen nur zögernd. Sie wußten: Den Deutschen gehörte das Land, die Russen hatten es erobert, sie sollten es nun verwalten. Aber wie lange? Es war eine ungewisse Sache, dieses Potsdamer Abkommen mit seinen vagen Festlegungen über die endgültige Grenzziehung in einem späteren Friedensvertrag.

Bekannte Polen aus Glisno, die damals vom Westen zurückkamen, bestärkten uns in unserem Glauben und rieten dringend ab fortzugehen. "Was wollt ihr 'hinter der Oder'? Überall herrscht Hungersnot. In Hamburg liegt nicht mehr ein Stein auf dem anderen. Es dauert mindestens zehn Jahre, bis Deutschland wieder bewohnbar ist. Bleibt bloß, wo ihr seid", empfahlen sie uns.

Und schließlich warteten wir jeden Tag darauf, daß unser Vater nach Hause kommt. Sicher würde er kommen. Das war für uns nur eine Frage der Zeit. Von seinen Kameraden Leike vom Ortsteil Dalleken aus Großtuchen und Schamuhns aus Zemmen wußten wir, daß er Anfang März vor Schlawe leicht verwundet wurde, und daß sie ihn in ein Lazarett gebracht hatten. Verwundete standen ja unter dem Schutz des Roten Kreuzes, so dachten wir damals noch von den Siegern trotz der vielen Toten, die wir auf unserem Treck im März bei Stolp und Lauenburg gesehen hatten. Wohin sollte er sonst gehen, wenn nicht nach Großtuchen...?


Arbeit statt Schule

Ein Jahr später war alles ganz anders.
Im September 1946 wurde die Zwangsarbeit für alle Deutschen, einschließlich der Kinder ab 10 Jahre, eingeführt. Wir stellten allein 7 Arbeitskräfte, 3 Frauen und 4 Kinder. Ich war schon zehn und wurde auch erfaßt. Aber wir hatten Glück. Mit meiner dreizehnjährigen Cousine lief ich jeden Tag 2 Kilometer zum Dienst, der um 6.00 Uhr begann und bis 22.00 Uhr dauerte. Sie war Kindermädchen bei dem Dorfmilizionär, ich war der Familie Brodza auf dem Hof von Emil Polzin auf dem früheren Gut zugeteilt, wo ich zunächst nur die einzige lahme Kuh zu hüten hatte, auf die ohnehin der Hütehund Teddy zuverlässig aufpaßte. Zusammen mit Paulchen Mickley trieben wir "unsere Kühe" täglich in Richtung Neuhütten, spielten Krieg mit echten deutschen Stahlhelmen und kaputten russischen Maschinenpistolen, und zwar so echt wie wir ihn erst anderthalb Jahre vorher auf unserem großen Treck im März 1945 bis hinter Lauenburg in natura erlebt hatten. Oder wir verprügelten Kasimir Roggenbug vom Nachbargrundstück Labuhn, wenn er uns zu sehr provozierte und verlangte, wir hätten alles zu tun, was er wollte, weil er Pole war und wir nur Deutsche wären. Ebenso oft versöhnten wir uns aber wieder und entwarfen gemeinsam grandiose Pläne für eine zukünftige Welt, in der es außer Deutschland und Polen keine anderen Großmächte mehr geben sollte. Es war eine aufregende Zeit für uns Jungen. Manchmal kam auch Ruth Labuhn zu uns, die als Fünfzehnjährige beim polnischen Ortskommandanten schwerste und dreckigste Arbeit zu verrichten hatte, und wir diskutierten über Gott und die Welt. Meist aber lachte sie uns aus wegen unserer hochtrabenden Ansichten und Pläne.

Ich hatte es besser als zu Hause. Die Brodzas waren kinderlos und betrachteten mich als eigenen Sohn. Sie gewährten mir Freiheiten, von denen ich sonst nur träumen konnte. Stundenlang durfte ich meiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen und Bücher lesen. Sie hatten die von Polzins über-nommenen deutschen Bücher sorgsam aufbewahrt. Jeden Monat erhielt ich sogar noch einen kleinen Lohn in Zloty. Kein Deutscher hatte diese Privilegien. Meine Cousine Traute hatte es dagegen schon schwerer bei dem Dorfmilizionär, aber gerecht wurde auch sie behandelt.

Unsere Probleme dagegen waren mehr objektiver Art. Im Winter lag bei uns viel Schnee. Oft "stühmte" es derart, daß es zu hohen Schneeverwehungen kam. Wenn der Schnee taute, kamen wir mit unseren selbstgefertigten Holzpantoffeln kaum voran, denn Schuhe hatten wir nach den zuerst russischen und danach polnischen Ausplünderungen schon lange nicht mehr. Der nasse Schnee backte zu Klumpen an unseren Pantoffeln. Aus Furcht, zu spät zur Arbeit zu kommen, liefen wir dann einfach auf Strümpfen durch den nassen Schnee. Heute wissen wir, woher wir unseren Rheumatismus haben.

Eines Tages bemerkte Pan Brodza, es wäre nicht gut, wenn wir immer nur deutsch sprechen. Ich müßte Polnisch lernen. Das wäre in dieser Zeit für mich nur von Vorteil. Wenn ich wollte, würde er mir Polnisch beibringen, aber nur, wenn ich es wollte, betonte er immer wieder. Und wie ich wollte! So begannen wir mit systematischem "Sprachunterricht". Der erste Satz, den ich von ihm lernte, war "Chodó na obiad" (Komm Mittag essen) und ist für mich immer symptomatisch für diesen Polen geblieben. Er selbst hatte 1939 im deutschen Lager als erstes gelernt: " An die Arbeit, marsch, marsch!". Noch heute profitiere ich von diesem Spracherwerb.

Und er lehrte mich manche nützliche Dinge; vor allem aber, wie man überleben kann, wenn man der Nation angehört, die für Auschwitz verantwortlich sein soll und für Stutthof. Aber auch er konnte nicht verhindern, wenn ich manchmal von polnischen Jungen deswegen geschlagen wurde und daß wir eines Tages vertrieben wurden, wie man lästige Hunde vertreibt.


Zu zehnt in zwei Räumen

Auch unser stark beschädigtes Gehöft wurde jetzt von einem Polen übernommen. Das war Jerzy B., ein verbitterter Deutschenhasser. Von ihm hörten wir Ende 1946 zum ersten Mal von so schlimmen Dingen wie KZ und Zwangsarbeitslagern, die von Deutschen eingerichtet sein sollten. Weder von Russen noch Polen war uns das bisher gesagt worden. Sie glaubten wohl selbst nicht so sehr daran. Wenn wir mit russischen Soldaten über den Krieg ins Gespräch gekommen waren, so staunten wir immer wieder, daß sie meist abwinkten und meinten, Verbrechen gäbe es überall. Noch in den letzten Kriegstagen hatte uns ein junger Sergeant, der mit einer Gruppe schwerbewaffneter finsterer Rotarmisten bei uns auftauchte, meiner Oma erklärt: " Gitler, kaputt... gutt; no Stalin noch lebt, sehrr schlecht.....!"

Unser Jerzy jedenfalls war angeblich in einem KZ gewesen und er hatte Berlin mit eingenommen und rühmte sich, in Gefechten meist nur wenige Gefangene gemacht zu haben. Wir haßten ihn deswegen und hielten ihn für einen Lügner.

Mit zehn Personen wurden wir jetzt in zwei Räumen zusammengedrängt, in denen auch schon die Ratten hausten. Wir Kinder hatten schon fast 2 Jahre keine Schule mehr. Zwar hatte meine Mutter bei uns heimlich eine Art Sonntagsschule eingeführt, und wir lernten eifrig, vor allem Verse aus dem Gesangbuch, oder übten deutsche Diktate, aber ein richtiger Unterricht wie bei unseren Lehrern, Fräulein Schwichtenberg, Herrn Mauß oder Sorgatz, war das natürlich nicht. Allmählich gingen auch die Lebensmittelvorräte zur Neige, und wir hatten kaum noch Kleidung und Schuhwerk. Nur der polnische Bürgermeister ließ uns stillschweigend immer wieder mal einen halben Sack Mehl zukommen. Solange er Bürgermeister in Großtuchen sei, würde kein Deutscher hungern, erklärte er. Diese Haltung eines Vertreters der neuen Macht war für uns einmalig und unverständlich, denn er war im KZ Stutthoff gewesen, von Deutschen eingesperrt.

Für uns wurde es jetzt immer eindeutiger: Wir müssen heraus, wenn wir nicht als Fremdarbeiter und Gefangene unter Polen leben wollen. Wir waren in unserer seit 800 Jahre deutschen Heimat nicht mehr zu Hause. Alle gutgemeinten Angebote zur Einpolung hatte meine Mutter kategorisch abgelehnt. Unerwartet erhielten wir dann gewissermaßen über Nacht die Aufforderung, in zwei Tagen un-ser Dorf zu verlassen. Die Aufregung war groß. Auch bei den polnischen Nachbarn. Der Aufbruch war auf den 16. Dezember 1946 festgelegt. Josef Durawa, unser kaschubische Nachbar, der in der Zeit der Flucht auf dem Treck im März 1945 bis hinter Lauenburg [vor Neustadt in Westpreußen nicht weit von Gdingen] und auch später unser zuverlässiger Beschützer war, sollte uns mit unserem Gepäck in die Kreisstadt Bütow bringen. 25 kg pro Person war die erlaubte Höchstnorm.

In der letzten Nacht schlief niemand mehr. Auch unser Pole Jerzy saß die ganze Zeit mit uns zusammen, war wie umgewandelt und erklärte, daß er jetzt auch gehen werde. Er ließ seine letzte Ente braten, damit wir noch etwas zu essen mitnehmen konnten. Beim Abschied waren Tränen in seinen Augen. "Das haben wir nicht gewollt", meinte selbst dieser Deutschenhasser.


Frühmorgens zogen wir los

Frühmorgens um vier Uhr zogen wir im Dunkeln und bei schneidender Kälte los. Uns Kinder schickte man auf den Fußmarsch nach dem fast 20 km entfernten Bütow vor. Wir waren eine ganze Kolonne, der Größe nach eingereiht, und alle riesig bepackt. Voran marschierte meine Cousine Traute Biastoch. Sie bestimmte, das Lied "Nun ade, du mein lieb' Heimatland" zu singen, das wir dank des konsequenten Unterrichts bei Lehrer Mauß einwandfrei beherrschten. Den Schluß bildete mein kleiner noch nicht fünfjähriger Bruder, der einen alten Schulranzen als Schlitten im Schnee hinter sich her zog, denn zum Tragen war er noch zu klein.

Als ich nach 12 Jahren wiederkam, erzählte mir unsere Nachbarin, Frau Anastasia Jastszemska, eine Ukrainerin, die 1942 als Sechzehnjährige von Deutschen aus ihrer Heimat nach Großtuchen verschleppt worden war, und die unseren Auszug beobachtet hatte, sie hätte nie etwas Traurigeres im Leben gesehen. Drei Tage lang hatte sie geweint: "Das kann man den Deutschen doch nicht antun!" Wir empfanden es damals nicht so wehmütig, sondern nahmen den Aufbruch als unabänderliches Schicksal auf uns und waren stolz, Deutsche geblieben zu sein, damals!

In der Kreisstadt Bütow lagerte man uns bei Minusgraden den ganzen Tag und die folgende Nacht im Freien. Es begann gerade der große Frost, der den bisher kältesten Winter des Jahrhunderts einleiten sollte. Die letzten Zlotys wurden für Wodka ausgegeben, das einzige, was damals zu bekommen war. Es wurde viel getrunken, als Medizin. Selbst den Kindern gab man Alkohol in der verhängnisvollen Ansicht, daß er vor Erfrierungen und den gefürchteten Typhuserkrankungen schützt.

Nachmittag wurden wir mit unserem gesamten Gepäck zum Marktplatz getrieben, wo ein Podest aufgebaut war und der Stadtkommandant, ein kleiner untersetzter Mann in voller Uniform mit Litewka, wild gestikulierend, die offizielle Verabschiedungsrede an die deutschen Frauen und Kinder mit der Anrede "Deutsche Schweine..." begann. Und dann ging es los, die totale Hetze gegen alles, was deutsch war. Unter uns riefen sie: "Hört nicht zu! Laßt euch nicht provozieren..." Schließlich hatte man eine junge 35-jährige Frau bei einem vorhergehenden Transport am gleichen Tag noch erschossen, als sie protestiert hatte und gesagt haben soll: "Wartet nur, wenn unsere Männer erst aus der Gefangenschaft kommen...." So verfuhr die neue Macht, die sich Volksmacht nannte, damals mit deutschen Zivilisten. Lebensgefährlich war es aber sonst auch. Aber wir Jungen hörten genau zu, ganz genau; denn wir wollten uns dieses Subjekt merken für die große Revanche bei unserer Rückkehr. Das hatten wir uns geschworen...

In der Nacht holte man uns zur Gepäckrevision. Wir wurden unsere gesamten Betten, Decken und sonstigen warmen Sachen los, die wir so dringend in diesem kalten Winter brauchten, und behielten nur, was wir am Körper trugen.

Gegen Morgen verlud man uns in schmutzige Viehwaggons: dreißig Personen plus Gepäck in einen Wagen, dessen einzige kleine Luke noch oder schon wieder mit Stacheldraht umgeben war. Die Enge war beängstigend. Zunächst war es noch warm. In jedem Waggon befand sich ein kleiner Kanonenofen mit einem geringen Brikettvorrat. Aber dieser wurde nie ergänzt. Schon in der ersten Nacht war alles verbrannt. Dann wurde es bitterkalt. Selbst die Innenwände der Waggons waren ständig mit einer Eisschicht bedeckt. Acht ganze Tage und Nächte kamen wir nicht aus diesen 'Kühlwaggons' heraus.

Manchmal sahen wir auf dem Nebengleis einen Güterzug mit offenen Wagen voll Briketts, wenn wir mal kurz hielten. Wir Jungen sprangen dann hinauf und schleuderten so lange Briketts in unseren Waggon, bis einer der beiden Züge anfuhr. Dann mußten wir blitzschnell ab- und aufspringen. Das war hoch gefährlich. Es konnte auch sofort geschossen werden, wenn man uns gesehen hätte.


Transport ins Ungewisse

Unser Transport rollte über Konitz und Schneidemühl nach Posen.
Hier gab es einen bedrohlichen Zwischenfall. Wir waren für die Nacht auf dem Güterbahnhof abgestellt. Die beiden polnischen Milizsoldaten, die den Transport zu begleiten hatten, warnten uns vor den Überfällen, die hier nachts regelmäßig von den nach Rußland abziehenden, demobilisierten Rotarmisten verübt wurden. Sie fielen auf die Züge mit den deutschen Vertriebenen her, plünderten und suchten nach Frauen. Die Polen wären machtlos dagegen. Wir müßten uns schon selbst verteidigen. Sie würden sich auf die Lokomotive zurückziehen und nicht einmischen.

Von den wenigen Männern auf unserem Transport hatten wir in unserem Wagen die Brüder Schamuhn*) aus Zemmen. Sie organisierten sofort die Verteidigung. Jeder von uns Jungen erhielt eine bestimmte Aufgabe.

*) Fritz und Erich Schamuhn. Fritz war in Großtuchen als "Milchfahrer" bekannt, da er täglich die Milch der Bauern aus Zemmen und von der Obermühle zur Molkerei nach Großtuchen beförderte. 

Ich bezog Wachposten auf einem aus mehreren Rucksäcken errichteten Hochsitz und beobachtete das Bahnhofsgelände durch die kleine mit Stacheldraht umwickelte Viehwagenluke. Es passierte stundenlang nichts. Dann brach es los. Die Bahnhofsuhr zeigte genau O.O5 Uhr. Eine Gruppe von 8-10 angetrunkenen, mit Maschinenpistolen bewaffneten Russen stürmte auf den Zug zu und steuerte genau unseren, den zweitletzten Wagen des Zuges an. Ich löste Alarm aus. Jeder sprang an seinen eingewiesenen Platz. Fünf Minuten später waren wir im "Gefecht". Sie versuchten, die Schiebewand unseres Waggons aufzureißen und stutzten. Wir hatten sie von innen fest verrammelt. Ein wildes Gebrüll brach los, Stimmen schrien durcheinander und fluchten. Irgendwo in der nächtlichen Stadt fielen Schüsse. "Otkrowajte, budem streljat", gröhlten sie, macht auf, oder wir schießen .Taschenlampen blitzten auf. Wir ließen das Ultimatum unbeantwortet. Sie rissen immer wieder an der Tür, drohten und schimpften und setzten schließlich Brechstangen ein. Vergeblich. Unsere Verteidigung stand. Einige von uns wollten aufgeben aus Angst, sie töten uns alle.

Schamuhns blieben konsequent. Sie gingen davon aus, daß die Russen hier mitten auf dem Güterbahnhof kaum eine Schießerei beginnen würden; sie hätten damit die Militärpolizei auf sich gelenkt. Selbst wenn sie es tun würden, könnten die Kugeln aus ihren Mpi die dicken Waggonplanken nicht durchschlagen. Die Rechnung ging auf. Mit furchtbaren Flüchen auf die deutschen "Faschisten , die immer nur Widerstand leisten" zogen die Russen plötzlich ab. Sie versuchten auch bei keinem anderen Waggon den Überfall. Es war genau 1.10 Uhr. Über eine Stunde hatte unser ungleiches Gefecht gedauert. Die ganze Nacht wechselten wir uns in der Wache ab. Aber es erfolgte kein weiterer Angriff mehr. Wenn wir auch kaum noch etwas bei uns hatten, was man plündern konnte, so hatten wir unsere Frauen und Mädchen immerhin vor schlimmen Dingen geschützt und somit doch noch einen, wenn auch späten Endsieg über die Russen errungen. So sahen wir Jungen es jedenfalls. Gefährliche Momente waren das! Niemand nahm damals Notiz von einem erschlagenen Deutschen.


Es ist ein Ros' entsprungen

Der Zug rollte weiter nach Süden. Es ging auf Weihnachten zu. Die polnischen Milizsoldaten hielten sich jetzt oft in unserem Waggon auf. Wir waren in ihrer Achtung gewaltig gestiegen nach unserem siegreichen Gefecht mit den überlegenen Russen in Posen. Das hatten sie noch nicht erlebt, daß zwei unbewaffnete deutsche Männer und ein paar Jungen einen ganzen Trupp schwerbewaffneter Russen zum Rückzug zwangen. Aber wahrscheinlich froren sie auch sehr. Unser Waggon war so ziemlich der einzige, der dank unserer halsbrecherischen Kohlenklau-Aktionen noch einigermaßen geheizt war.

Es war irgendwo im tiefverschneiten Niederschlesien. Die Stimmung war auf den Nullpunkt angekommen. Völlig apathisch, übermüdet und schmutzig lagen alle auf ihren Bündeln, von Hunger und Durst geplagt, oder hockten im Waggon, zusammengepfercht wie Vieh. Keiner sprach ein Wort. Jeder war in seinen Gedanken bei dem, was wir aufgegeben hatten: Unser Dorf, den Hof und die Toten und vor allem jede Hoffnung auf eine Rückkehr. Da ertönte im Wagen nebenan Gesang. Eine männliche Stimme - ich glaube, es war Herr Meseg aus Meddersin - stimmte das alte Weihnachtslied an: "Es ist ein Ros' entsprungen". Erst sangen einzelne leise, dann immer mehr und lauter, bis alle im Waggon mitsangen. Der Gesang griff zum nächsten Wagen über und bald auf den ganzen Zug. Bei minus zwanzig Grad Kälte in vereisten Waggons nach tagelanger Fahrt ohne warmes Essen und Trinken hatte ein deutsches Weihnachtslied eine ungeheure Wirkung. Die beiden polnischen Soldaten vom Begleitkommando schreckten auf. Das Absingen deutscher Lieder war streng verboten. Sie mußten einschreiten. "Es sind Weihnachtslieder. Lassen wir sie singen", entschied der Rangälteste.

Wir fuhren ununterbrochen durch flaches Land. Von meinem Ausguck durch die Stacheldrahtluke beobachtete ich stundenlang die verschneite Landschaft. Kein Baum und Strauch war zu unterscheiden. Wir bewegten uns in südwestliche, manchmal südliche Richtung. Irgend jemand hatte die Vermutung geäußert, wir kommen gar nicht "über die Oder", sondern es geht nach Sibirien. Vor Sibirien hatte damals jeder begründete Angst. Wir wußten¸ daß einige Männer aus unserer Gegend als Zivilisten im März 1945 nach Sibirien gekommen waren, Metel aus Großtuchen zum Beispiel und sogar Frauen, Mütter von vier und mehr Kindern und sechszehnjährige Mädchen aus Radensfelde und Groß Massowitz. Warum wir nicht auch! Manchmal konnte ich ein Dorf sehen. Die meisten Häuser waren zerstört. Nur Schornsteine ragten aus den schneebedeckten Trümmern. Es war nicht zu erkennen, ob es sich bei den Ruinen um deutsche, polnische oder ukrainische Häuser handelte. Nach der Sonne zu urteilen, schien das Ziel Sibirien zu stimmen. Wir glaubten, jetzt fast immer der Sonne entgegenzufahren, also nach Osten Der niedrige Sonnenstand in den Vorweihnachtstagen täuschte uns allerdings. Osten und Süden waren kaum zu unterscheiden. Außerdem mußte der Zug oftmals Umwege auf Nebenstrecken machen und rollte zuweilen tatsächlich direkt nach Osten zurück.

Gefährlich war es auch¸ wenn der Zug auf freier Strecke hielt. Das konnte stundenlang dauern oder nur einige Minuten. Niemand wußte es genau, und die Abfahrt wurde nie angekündigt. Wir Jungen sprangen dann sofort heraus und liefen in die Umgebung, um uns Bewegung zu verschaffen und zu versuchen, den drohenden Erfrierungen zu entgehen. Im letzten Augenblick kletterten wir dann auf den anfahrenden Zug. Einmal hatte sich ein kleinerer, fünfjähriger Junge zu weit von den Waggons weg gewagt. Wir hatten ihn gewarnt, aber er wollte unbedingt mit uns "Großen" mit. Der Zug fuhr plötzlich zu schnell an. Er schaffte es nicht mehr und blieb buchstäblich auf der Strecke. So wurden immer wieder Familien auseinandergerissen.


Die Oder!

Ich hatte meist meinen Ausguck an der Viehwagenluke eingenommen und verließ ihn tagelang nicht. Man mußte sich an das kleine Viereck fest anklammern. Die Hände waren dabei zu Eis erstarrt. Vor Hunger und Kälte konnte man sich nur mühselig halten und gegen den Durst gab es nur die Eiszapfen am Waggon. Und dann die trostlose, unendliche Schneewüste vor Augen, Stunde um Stunde. Jeder spürte, daß es mit seinen Kräften zu Ende ging. Plötzlich tauchte wie eine Fata Morgana ein kleines Wachhäuschen am Horizont auf, vor dem zwei Soldaten standen. Daneben ein Schild mit der Aufschrift "Odra". Das war eindeutig die Oder. Wir hatten sie bei Glogau erreicht.

Jetzt waren wir doch an dem Fluß angekommen, der in jener Zeit Symbol für Rettung und Freiheit bedeutete. Also doch nicht nach Sibirien! Ich fuhr hoch und schrie in den Waggon so laut ich konnte: "Wir sind an der Oder" und kam mir vor wie ein Schiffsjunge, der hoch oben im Mastkorb nach endloser Fahrt ohne Hoffnung der todgeweihten Mannschaft eines gekenterten Schiffes das errettende "Land in Sicht" zuruft. Die Wirkung war die gleiche.



II. Ein Neubeginn in der Ostzone, der keiner war

Bei Forst in der Niederlausitz rollten wir dann schließlich über die Oder-Neiße-Linie. Der Zug hielt, die Schiebetüren wurden aufgerissen. Deutsche Laute drangen ans Ohr. Es wurde deutsch gesprochen. Man teilte Tee aus und eine warme Suppe. Zum ersten Mal nach acht Tagen etwas Warmes! Zeitungen wurden in die Waggons gereicht, deutsche Zeitungen. Waren es auch nur die "Tägliche Rundschau", das Organ der sowjetischen Besatzungsmacht, und das kommunistische "Neues Deutschland", der Inhalt interessierte kaum. Es war die deutsche Sprache¸ die wir wieder gedruckt vor uns hatten. Fast zwei Jahre lang waren wir von der Welt abgeschnitten gewesen. Daß öffentlich noch mal deutsch gesprochen und geschrieben werden durfte! Wir konnten es nicht fassen. Viele weinten vor Freude.


Zum Lagerleben bestimmt

Unser Glücksgefühl war nur von kurzer Dauer. Paar Tage später wurden wir in das Quarantänelager Coswig bei Wittenberg in Sachsen-Anhalt eingeliefert. Auch hier: Ungeheizte Baracken, kein Strom, das Lager mit Stacheldraht umgeben. Wir waren also zunächst doch wieder Gefangene. Unser Transport war für Oberbayern bestimmt¸ das gerade zum Katastrophengebiet erklärt wurde und keine Vertriebenen mehr aufnahm. Niemand wußte, wohin nun mit uns. Zu viele Deutsche waren auf kleinstem Raum und in den Lagern konzentriert. Die Menschen hungerten und froren erbärmlich. In kleinen Gruppen verteilte man uns auf einzelne Lager in Mitteldeutschland, die allesamt bereits hoffnungslos überfüllt waren. Wer irgendwie die Möglichkeit hatte, versuchte auf eigene Faust oder mit Hilfe von Verwandten dem Lagerleben zu entkommen. Biastochs, Mickleys und einige andere hatten das Glück.

Irgendwie wurden wir eines Nachts nach Staßfurt bei Magdeburg verfrachtet; zwar nicht mehr in Viehwaggons, aber die Züge waren auch hier nicht geheizt, und die Kälte hatte jetzt im Februar 1947 noch zugenommen. Wir waren auf dieser Strecke von 80 km nahezu 20 Stunden bei klirren-dem Frost unterwegs. Unsere Mutter rieb uns Kinder ununterbrochen die Hände, denn die uns von den Polen abgenommenen Decken und Handschuhe konnten nicht ersetzt werden. Vielen erfroren die Hände und Füße.

In Staßfurt kamen wir in ein Lager, in dem völlig apathische Rumänen schon seit zwei Jahren auf Rückführung in ihre Heimat warteten. Es gab zeitweise keine Verpflegung mehr. Die Unterkünfte waren eiskalt. Etwas warmes Wasser wurde morgens nur für den Raum ausgegeben, in dem jemand gestorben war. Wir erhielten oft warmes Wasser.

In der Nähe befand sich ein mit Stacheldraht gesichertes russisches Militärgelände, auf dem angeblich für die Schnapsbrennerei bestimmte Kartoffeln in Mieten gelagert sein sollten. Unter der bewährten Leitung von Fritz Schamuhn aus Zemmen stellten wir aus zuverlässigen Leuten einen "Stoßtrupp" auf und marschierten bei dem nächsten Schneesturm los. Wir durchbrachen den Stacheldrahtverhau und trafen tatsächlich auf eine Miete. Sie war bereits aufgedeckt. Auch andere "Stoßtrupps" waren hier offensichtlich schon in Aktion. Jeder hatte in größter Eile ein paar Pfund Kartoffeln zusammenzulesen, und ab ging es. In der Nähe bellte ein Hund, ein russischer Soldat fluchte. Es fielen Schüsse. Ein Feuerstoß aus einer Maschinenpistole jagte über unsere Köpfe. Wir entkamen und überlebten wieder für ein paar Tage.

Erneut verlegte man uns in ein anderes Lager in Staßfurt. Die Verpflegung war hier besser, jedenfalls gab es die tägliche Wassersuppe regelmäßiger. Da brach eine neue Katastrophe herein. Die Bode trat über die Ufer und überflutete fast die gesamte Stadt. In wenigen Stunden stand unser Lager unter Wasser. Wieder mußte geräumt werden. Einige von uns flüchteten heimlich über die Zonengrenze nach Lüneburg. Auch die Brüder Schamuhn trennten sich. Für uns galt wieder einmal: Wir bleiben!

In kleinen Gruppen brachte man uns auf Lastkraftwagen durch das vom Hochwasser überflutete Harzvorland nach dem kleinen Städtchen Aken an der Elbe bei Dessau.*) Das vierte Lager in einem halben Jahr! Zum ersten Mal aber gab es normale Verpflegung. Die Einheimischen leben hier noch von den Vorräten, welche die Amerikaner großzügig verteilt hatten, als für sie der Krieg an der Elbe zu Ende war.

*) Zusammen mit uns waren noch nach Aken gekommen: Aus Großtuchen Frau Hoffmann,unsere Kirchendienerin, mit ihrer Tochter Frieda Kunkel und deren Kinder; die Familien Busch, Krause, Knitter und aus Zemmen die Familien Erich Schamuhn und Erich Böse; aus Kleinmassowitz Familie Paul Müller; aus Radensfelde die Familie Adrian sowie aus Meddersin die Familie Meseg.

Wir schienen zum dauernden Lagerleben bestimmt zu sein. Die Behörden unternahmen nichts. Meine Mutter und meine Tante Minna Radde gingen daher von Haus zu Haus auf Wohnungssuche. Eines Tages hatten sie Glück. In einer abgelegenen Gartensiedlung war ein Dachstübchen mit kleiner Küche freigeworden. Unsere Familie mit 5 Personen erhielt es. Die Räume waren leer. Aber Gepäck hatten wir ja auch nicht mehr viel. Lange Zeit schliefen wir auf dem bloßen Fußboden, mit unserem Rucksack unter dem Kopf, der uns tagsüber als einzige Sitzgelegenheit diente. Erst nach und nach gelang es, ein paar, meist zerbrochene Schemel, die niemand mehr haben wollte, zu erhalten oder einzelne primitive Möbelstücke, die man angeblichen Nazis fortgenommen hatte.


Nicht einmal eine Uhr!

Das Verhältnis zu den Hiesigen war eisig.
Es ahnte hier niemand, was sich im Osten abgespielt hatte. Die Menschen an diesem Ort hatten niemals gehungert oder gefroren. Hier hatte man keine Fliegerangriffe kennengelernt und keine Front. Man brauchte nicht zu flüchten, wurde nicht vertrieben und war von niemandem ausgeplündert worden. Die Einheimischen lebten, als hätte es den Krieg nie gegeben, ohne Angst vor den Siegern. Niemand war erschossen, verschleppt, geschlagen oder vergewaltigt worden. Kopfschüttelnd betrachteten sie die lästigen armseligen "Flüchtlinge", die sich "nicht einmal eine Uhr mitgebracht" hatten. Sie kannten auch keine Solidarität. Die vielbeschworene deutsche Volksgemeinschaft war ein Trugschluß.

Wir Kinder hatten unter mehrfachem Streß zu leiden. Neben dem Hunger und Elend in den Unterkünften bekamen wir am deutlichsten die Verachtung der Einheimischen in der Schule zu spüren, in der wir ohnehin erbittert um den Anschluß zu kämpfen hatten. Wir Spät-Vertriebenen hatten immerhin über zwei Jahre lang keinen Schulunterricht mehr gehabt. Es war einfach für unsere starken Mitschüler, uns bei jeder Gelegenheit zu erniedrigen und auch zu schlagen. Wir waren es gewohnt. Doch diesmal waren es die eigenen Deutschen, die das taten!

Gleich in den ersten Tagen erhielt ich in einer Pause auf dem Schulhof, gewissermaßen zur Begrüßung, von einem großen Schüler der obersten Klasse, den ich vorher noch nie gesehen hatte, ohne jede Vorwarnung die Faust mit voller Wucht ins Gesicht. Er war von einer Gruppe kleinerer Schüler umgeben und wollte sich so als Anführer Autorität verschaffen. Offensichtlich mißfielen ihm meine Holzpantoffeln, in denen ich zur Schule kommen mußte. Ich stürzte, verlor die Pantoffeln und leistete automatisch keinerlei Gegenwehr, wie in den Fällen, wenn wir früher von Russen oder Polen geschlagen wurden; denn das hätte den sicheren Tod bedeutet. Ich wagte auch keine Anzeige. Den ganzen Schultag über saß ich verkrampft und mit Schmerzen über mein Pult gebeugt und versuchte, mein stark angeschwollenes Gesicht vor den Lehrern zu verbergen.

Ich habe daher nie besonders warmherzige Gefühle zu diesem Ort entwickeln können, auch nicht, nachdem sich allmählich vor allem aus meiner Grundschulklasse doch viele Mitschüler als echte Freunde zeigten. Unter meinem Pult fand ich in der großen Hungerzeit so manches Mal ein frisches Brötchen, das mir jemand von den Einheimischen heimlich zugesteckt hatte. Aber manche Wunden verheilen trotzdem nur schwer, und die Narben bleiben das ganze Leben.

Ein Neubeginn war das für uns eigentlich nicht. Das Lagerleben war zwar zu Ende, formal herrschte Frieden, aber wir waren gleichsam vom Regen in die Traufe gekommen, und was den Hunger anging, wurde es noch schlimmer. Es kam die große Hungersnot im Sommer 1947, die alles bisherige übertraf: 250 g Brot pro Tag, sofern die Versorgung klappte. Tagelang blieb uns nur der Sauerampfer auf den Elbwiesen zum Überleben.

Eine Nahrungsbeschaffung aus den umliegenden Dörfern war für uns Vertriebenen, die wir keinerlei Beziehungen hatten und über keine Tauschgegenstände verfügten, so gut wie ausgeschlossen. Jede sogenannte Hamsteraktion oder der geringste Diebstahl von Feldfrüchten wurde unbarmherzig bestraft. In den Akener amtlichen Bekanntmachungen wurde damals zum Beispiel u.a. angeordnet: "Bei vollem Verständnis für die soziale und menschliche Lage kann .. ein Nichteingreifen von Polizeiorganen mit dieser Begründung nicht mehr hingenommen werden, es muß vielmehr von allen Polizeikräften erwartet werden, daß sie sich ohne Rücksicht auf die besondere Eigenart des Einzelfalles einsetzen.." Und das wurde getan! Für die besondere Lage der vertriebenen Frauen und Kinder zeigte das neue Regime keinerlei Verständnis. So kam es, daß einige Mütter von den Vertriebenen wieder hinter Gitter kamen, nur weil sie für ihre hungernden Kinder ein paar Kartoffeln von den Äckern reicher Bauern geholt hatten, was als Felddiebstahl - damals fast ein Verbrechen - angesehen wurde. Auch mein Klassenkamerad Werner Böse aus Zemmen wurde - obwohl noch minderjährig - mit einer langen Gefängnisstrafe bestraft, weil er das zum Überleben erforderliche Brennholz aus dem "Volkseigentum" organisierte, das war ein von den Russen ohnehin sinnlos gesprengter "Rüstungsbetrieb".

Dagegen hat die Verbundenheit der Großtuchener uns damals viel geholfen. Unsere früheren Nachbarn Basowske, die schon fast 2 Jahre im Taunus lebten, und mein Onkel George Schütz, der schon 1929 in die USA ausgewandert war, unterstützten uns sehr. Auch andere Amerikaner hatten Verständnis für unsere besondere Not und schickten uns öfter Pakete. So überstanden wir diese schwere Zeit, die von einigen Deutschen heute als "Befreiung" glorifiziert wird. Aber sie wurden ja nicht vertrieben, brauchten nicht nach Sibirien und mußten nicht bei der Erschießung ihrer nächsten Angehörigen dabeisein. Sie behielten ihre Heimat und sogar ihren Besitz. Das ist schon ein gewaltiger Unterschied!
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III. Das unvergessene Dorf

Zwölf Jahre waren vergangen. Dann gelang es mir endlich, wieder nach Großtuchen zu kommen. Die Mühen waren enorm. Mehrmals hatten die DDR-Behörden meine Anträge auf eine Reisegenehmigung abgelehnt. Die Polen hatten nichts gegen meinen Besuch. Im November 1958 hatte ich glücklich das Visum zu einer Fahrt nach Großtuchen und Umgebung in der Hand. Es war angeblich die erste private Reise eines Deutschen in dieses Gebiet seit 1945. Auch Die Pommersche Zeitung in Westdeutschland berichtete damals in einem Leitartikel darüber.

Die Eindrücke waren gewaltig. Mein Gastgeber war die Familie Durawa, unser frühere Nachbar von der Obermühle, die damals noch dort auf ihrem Bauernhof lebte. Ich besuchte die Lebenden und die Toten. In Großtuchen und Umgebung traf ich noch viele Deutsche an. Bäcker Borchardt hatte mit zwei Bäckerläden Hochkonjunktur wie nie zuvor. Seine Backstube war beliebter Treffpunkt der Deutschen. Jeden Tag trafen wir uns dort. Metel sprach mich auf der Dorfstraße auf Plattdeutsch an: "Du bist doch der Sohn von Paul..." Ich hatte ihn wegen seiner Wattejacke und Pelzmütze für einen Ukrainer gehalten. Gemeinsam besuchten wir den evangelischen Friedhof, und er erzählte mir von den Toten, die er gekannt hatte, von den letzten Tagen in Großtuchen beim Einmarsch der Russen und von seiner Gefangenschaft in Sibirien. In Pyaschen und Kleinmassowitz gab es ein Wiedersehen mit vielen alten Bekannten.


Vaters Grab

Mein besonderes Anliegen war, das Grab meines Vaters in Besow bei Schlawe ausfindig zu machen. Unsere Hoffnung, mein Vater hätte als Verwundeter überlebt, hatte sich als trügerisch erwiesen. Zu Ostern 1958 hatten wir nach 13 Jahren des Hoffens und Suchens vom Deutschen Roten Kreuz aus München die knappe, förmliche Erklärung einer jungen Frau aus Westpreußen erhalten:

"Ich...bin mit meinen Kindern auf der Flucht in Besow / Kreis Schlawe / Pommern von den Russen überholt worden am 7.3.1945. Alle deutschen Geflüchteten sowie dort Wohnhafte mußten auf dem Hofe Aufstellung nehmen, und hier wurde vor unseren Augen der gleichfalls anwesende, leicht verwundete Volkssturmmann Paul Radde aus Großtuchen ... erschossen von einem russischen Soldaten..........Sein Grab wurde von mir bis Juli 1947 gepflegt.Seinen Wehrpaß füge ich hier bei. Dieses erkläre ich an Eides Statt".*)

*) Offizielle Heimkehrer-Erklärung A/249344- Deutsche Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen Deutschen Wehrmacht. Berlin-Wittenau, den 29.5.1958  

Von den Augenzeugen seines Todes erfuhren wir dann noch, daß der junge Russe sich lange und kategorisch geweigert hatte, den Erschießungsbefehl auszuführen und immer wieder geschrien hatte: "Eto nje nado...Eto dobry tschelowjek..." - Das ist nicht nötig, das ist doch ein Mensch, der uns nichts getan hat. Ich kann ihn nicht töten. - Für seine bolschewistischen Vorgesetzten galt aber: "Wer Deutscher ist, ist auch Faschist. Und jeder Faschist ist ein Verbrecher".

Erst als dem Russen selbst die Erschießung wegen Befehlsverweigerung an der Front angedroht wurde, griff er zur Maschinenpistole und schoß. Die zwei einzelnen Schüsse trafen meinen Vater in den Rücken. Er richtete sich danach aber nochmals auf und schritt langsam und aufrecht die Front der aufgestellten entsetzten deutschen Frauen ab, blieb dann stehen und kniete nieder zum Gebet. Der Russe stürzte entsetzt vor, hielt meinem Vater die Maschinenpistole in den Nacken und schoß die ganze Trommel leer mit einem einzigen Feuerstoß. Mein Vater sank zur Seite und starb. Drei Tage mußte er auf dem Hofe liegenbleiben, zur Abschreckung der deutschen Frauen und Kinder...

Er war nicht der einzige Großtuchener, der so starb. Gräber von Erschossenen gab es überall, auch bei uns im Dorf. Unsere Nachbarin, die junge hochschwangere Frau Pelz, war erschossen worden, mein alter Großvater in Kleinmassowitz war erschossen worden, mein Onkel aus Louisenhof bei Bütow war erschossen worden, unser Ostarbeiter Lady aus Weißrußland war erschossen worden...Aber auch viele Russengräber hatten wir auf unseren Feldern.

Gemeinsam mit Frau Agnes Durawa machten wir uns auf die Suche nach dem Grab meines Vaters. Nach Angaben der Zeugen seines Todes hatte ich mir vorher in der Deutschen Staatsbibliothek Berlin anhand von Meßtischblättern des Deutschen Reiches für Ostpommern eine genaue Lageskizze von seinem Grab angefertigt. Bis Zollbrück fuhren wir mit der Bahn und dann 10 km weiter mit Fahrrädern, die uns fremde Polen dort sofort liehen, als sie von unserem Vorhaben hörten. Wir fanden tatsächlich das Dorf und die Grabstätte, die auch ohne Skizze damals noch zu erkennen war, denn Polen hatten sie jahrelang gepflegt.


Die Erinnerung läßt nicht los

Bei den vielen vorgeschriebenen An- und Abmeldungen bei meinem Besuch damals 1958 auf dem Gemeindeamt in Tuchomie (Großtuchen), im Kreisamt Bytów (Bütow) sowie bei stundenlangen zwanglosen Gesprächen bei einer Tasse Kaffee mit dem Sicherheitsdienst, vertreten durch eine sympathische junge Polin, die perfekt deutsch sprach, kamen immer wieder die gleichen Fragen: "Was sind Ihre Motive, nach Polen zu kommen, hierher in Ihre frühere Heimat?" Ich hatte schlagkräftige Argumente: Zukünftige Arbeit im Außenhandel in Warschau, Studium der polnischen Sprache und war damit bei den Polen stets hoch angesehen. Ich habe nie, auch später nicht, irgendeine feindselige Haltung von seiten der Polen erlebt.

Bei der Abmeldung auf dem Gemeindeamt in Großtuchen vor Weihnachten 1958 bat mich der Bürgermeister in sein Amtszimmer. Wieder die gleichen Fragen und dann sein Angebot: "Ich kenne Deinen Vater noch gut. Willst Du wiederkommen? Wir geben Dir das Grundstück Deines Vaters zurück. Du erhältst einen zinslosen Kredit von 100.000 Zloty und kannst alles wieder aufbauen. Wir wären froh, solche Leute wieder hierher zu bekommen. Bedingung ist natürlich ... die polnische Staatsbürgerschaft". Ich erzählte ihm von meinen Absichten, davon, daß ich bereits in Berlin im Staatsexamen stehe, danach an der Universität bleiben oder in den Außenhandel gehen möchte und daß ich keinerlei Perspektiven für einen privaten Landwirt im Sozialismus sehe. Er bedauerte es und verabschiedete mich sehr herzlich. Ich hörte noch wie er auf polnisch zu seiner Sekretärin so etwas sagte wie: "Schade eigentlich. Netter Bursche. Hat es schon weit gebracht, seitdem er in Großtuchen Kühe hütete und barfuß in die Dorfschule lief....".

Großtuchen aber und die dort verlebten Kindheitsjahre bleiben unvergessen. Ich bin noch oft hingefahren in unsere "Pommersche Schweiz" mit ihren endlosen Wäldern, herrlichen Seen und Flüßchen, den wogenden Kornfeldern und weiten Wiesen. Die Erinnerung läßt uns nicht los, sie ist unverlierbar, und nichts läßt sich auslöschen. Aber so geht es wohl jedem von uns Großtuchnern. (hr)

Groß Tuchen - ein Dorf in Hinterpommern
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